Skip to main content

Fünf Fragen an...

Lernen Sie die Speaker von telc im Dialog und ihre Themen schon vor der Veranstaltung ein wenig näher kennen. In fünf kurzen Fragen geben sie persönliche Einblicke, ordnen zentrale Aspekte ihres Vortrags ein und machen neugierig auf die gemeinsame Diskussion. So beginnt der Dialog schon vor dem eigentlichen Abend.

Fünf Fragen an Prof. Dr. phil. habil. Winfried Thielmann

1. Deutsch hat international den Ruf, besonders schwierig zu sein. Das diesjährige Fokusthema von „telc im Dialog“ lautet deshalb bewusst: „Deutsch ist leicht!“. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

"Jede Sprache hat ihre besonderen Schwierigkeiten. Das Englische wird gemeinhin für 'leicht' gehalten, verfügt jedoch über eine schier unglaubliche lexikalische und phraseologische Komplexität. Das Deutsche gilt als 'schwer'. Dies ist aber m.E. der Fall, weil wir im Moment noch alles tun, um Lernern den Erwerb der deutschen Sprache so schwer wie möglich zu machen. Hierzu ein Beispiel: Ich hatte kürzlich in München einen türkischen Taxifahrer zweiter Generation, der sich gut ausdrücken konnte und - keineswegs selbstverständlich - sprachlich einen schönen Humor realisierte. Dieser Herr konnte komplexe Satzgefüge produzieren, aber mit Genus und Kasus klappte es nicht so. Er war dennoch einwandfrei verständlich. Mit welchem Argument machen wir heute immer noch mit Anfängern den Akkusativ, wo wir doch wissen, dass das eine der spätesten Strukturen im Spracherwerb ist?"

2. Ihr Vortrag trägt den Titel „Warum man einem Anfänger den Akkusativ nicht beibringen kann“. Was steckt hinter dieser These – und wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?

"Es ist das große Verdienst der Arbeitsgruppe um Erika Diehl, bereits Anfang der Nuller Jahre nachgewiesen zu haben, dass Lerner die Kasus im Bereich der Satzgliedmarkierung erst erwerben, wenn sie, was recht lange dauert, die Satzstrukturen erworben haben. Aber nicht nur das: Diese Sprachwissenschaftler haben auch zeigen können, dass diese Erwerbsreihenfolge gegenüber unterrichtlicher Einflussnahme völlig resistent ist. Das heißt: Jede Unterrichtsminute, die Sie mit einem Lerner, der die topologische Satzstruktur noch nicht entdeckt hat, auf den Akkusativ verwenden, ist vergebens. Da kommt gegenwärtig deutschlandweit etliches an Lebensaltern vergeudeter Unterrichtszeit zusammen."

 

3. Zwischen dem, was die Spracherwerbsforschung über Lernprozesse weiß, und dem, was im Unterricht tatsächlich passiert, liegen manchmal Welten. Wo sehen Sie derzeit die größte Diskrepanz?

"Wenn man in die erste Auflage von Themen I aus dem Jahre 1983 blickt, also eines der ersten kommunikativen Lehrwerke überhaupt, so sieht man, dass in grammatischer Hinsicht die komplette deutsche topologische Hauptsatzstruktur, zweiteilige Prädikationen bis hin zum Perfekt, also der komplexesten zweiteiligen  Prädikation des Deutschen, alle Kasus im Bereich der Satzgliedmarkierung sowie auch Kasus bei Präpositionen Gegenstand sind. Seit den Arbeiten von Clahsen/Meisel/Pienemann aus den 80er Jahren, spätestens aber seit der Diehl-Studie (2000) wissen wir, das eine solche Progression mit allem, was wir über Spracherwerb wissen, nicht kompatibel ist. Das hindert bis heute niemanden daran, bei der Lehrwerkskonzeption im Prinzip dieselbe - völlig sinnlose - Progression zu fahren."

 

4. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen begleitet uns seit Jahrzehnten – und trotzdem scheint die Debatte darüber nie abgeschlossen. Was macht ihn für Sie wissenschaftlich so interessant?

"Ich habe begonnen, mich wissenschaftlich mit dem GER auseinanderzusetzen, als mir klar wurde, dass die deutsche Übersetzung fatale Fehler aufweist. Dabei wurde ich mir auch eines Sachverhalts bewusst, der für meine Begriffe eigentlich ein wissenschaftlicher Skandal ist: Der theoretische Teil des Referenzrahmens ist von dem britischen Sprachwissenschaftler John Trim verfasst, der hierfür souverän die nicht-englischsprachige kontinentaleuropäische Forschung ignoriert hat, weswegen m.E. der sprachdidaktische Irrweg des task based approach hier nach wie vor fröhliche Urständ feiert. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Es wurde zugelassen, dass diejenige Nation, die die EU kurze Zeit später verlassen hat, Europa vorher noch mit dem in ihrer Sprache verfassten, sprachtheoretisch ignoranten zentralen Dokument zur europäischen Mehrsprachigkeit überziehen konnte, frei nach dem Motto: Let's ensure we get our structures implemented before we bugger off. Dies macht den Europäischen Referenzrahmen zu einem späten Produkt britischer Kolonialgeschichte."

 

5. Wenn Sie auf die aktuellen Entwicklungen in Sprachdidaktik und Spracherwerbsforschung blicken: Welche Erkenntnis oder Beobachtung hat Sie in letzter Zeit besonders überrascht oder sogar zum Umdenken gebracht?

"An meiner Professur arbeiten wir seit vielen, vielen Jahren mit den Erkenntnissen der Zweitspracherwerbsforschung (exempl. Clahsen/Meisel/Pienemann, Diehl, Grießhaber), die - das möchte ich hier noch einmal ausdrücklich betonen - nicht die meinen sind. Ich bin nach wie vor immer wieder überrascht, wie gut sich diese Erkenntnisse bei der Einschätzung von Sprachständen, bei der Fehleranalyse und -korrektur sowie in der Sprachdidaktik bewähren."

 

Jetzt kostenlos Teilnehmen: 14.10.2026 - Prof. Dr. phil. habil. Winfried Thielmann