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Oktober 2020

Zahnärztliche Lokalanästhesie

Praktikum in einer großen Zahnarztgemeinschaftspraxis

Um sich einen Überblick über die Abläufe in einer Zahnarztpraxis zu verschaffen, macht die Zahnmedizinstudentin Elgin in den Semesterferien ein freiwilliges Praktikum in einer großen Zahnarztgemeinschaftspraxis. Die Zahnärztin Dr. Renate Windisch nimmt sich in den Pausen gerne de Fragen der Praktikantin an.

Dr. Windisch: Wie gefällt es dir denn in der Praxis? Bekommst du eine Idee davon, wie der Alltag einer Zahnärztin aussieht?

Elgin: Mir gefällt es sehr gut und ich bin froh, dass ich alles mal aus der Praxis erleben kann. Ich habe vor dem Studium schon mal so ein Schnupperpraktikum in einer Zahnarztpraxis gemacht, aber jetzt nach dem 2. Semester und der bestanden Vorklinik sehe ich alles mit ganz anderen Augen.

Dr. Windisch: Du warst heute bei der Weisheitszahnextraktion von Herrn Stutzke dabei, oder?

Elgin: Ja. Der hatte ganz dolle Schmerzen und war ganz schön weinerlich. Dr. Schmidt hat ihm gleich eine Spritze gegeben. Und da wolle ich mal fragen, welche Arten der Betäubung es eigentlich gibt?

Dr. Windisch: Bei der örtlichen Betäubung haben wir drei Möglichkeiten: Die Infiltrationsanästhesie, die Leitungsanästhesie und die intraligamentäre Anästhesie.

Elgin: Und was ist da der Unterschied?

Dr. Windisch: Na, habt ihr das noch nicht gelernt? Also unter einer Infiltrationsanästhesie versteht man die lokale Schmerzausschaltung in einem Gewebe durch die Injektion eines Anästhetikums. Da muss man aufpassen, dass man möglichst dicht an die kleineren Nervenfasern rankommt. Nach dem Einspritzen verteilt sich der Wirkstoff zwischen den Gewebspalten und gelangt so in die Nähe der Nervenfasern.

Elgin: Und was ist mit der Leitungsanästhesie?

Dr. Windisch: Da wird ein lang wirkendes Betäubungsmittel an die Austrittsstellen von sensiblen Nerven gespritzt. Die Nerven oder ganze Nervenbündel werden betäubt und dadurch wird die Weiterleitung von Schmerzreizen blockiert. Mithilfe der Leitungsanästhesie kann so ein großflächiges Areal schmerzunempfindlich gemacht werden.

Elgin: Aha. Und die intraligamentäre Anästhesie?

Dr. Windisch: Naja, das kann man sich ja ableiten. Intraligamentär bedeutet, dass der Zahn bzw. das Zahnbett durch den Spalt zwischen Zahn und Zahnfleisch betäubt wird. Das machen wir bei Raucher*innen, bei denen wir mit einer Leitungsanästhesie nicht die notwendige Anästhesietiefe erzielen, um sie auch wirklich schmerzlos behandeln zu können oder bei Patient*innen mit Spritzenphobie. Die intraligamentäre Anästhesie ist eine gute Alternative, weil sie einerseits sicher ist, dabei aber risikoarm.

Elgin: Nerven werden nicht verletzt, oder?

Dr. Windisch: Genau, keine Nervläsion. Und Gefäße werden auch nicht verletzt.

Elgin: Warum nimmt man denn dann nicht immer die intraligamentäre Anästhesie?

Dr. Windisch: Manche Patient*innen klagen über Aufbissempfindlichkeiten, die durch den Druck, der bei der Betäubung ausgeübt wird, erzeugt wird. Wenn nicht richtig dosiert wird, kann es im schlimmsten Fall auch zu Nekrosen des umliegenden Zahnfleischs kommen. Außerdem ist die Latenzzeit zwischen Anästhesiebeginn und Wirkungseintritt zwar äußerst gering, doch die Wirkungsdauer ist vergleichsweise kurz.

Elgin: Gibt es noch weitere Risiken bei Lokalanästhesien?

Dr. Windisch: Also, es gibt natürlich mal Probleme, aber eigentlich eher selten. Wichtig ist, dass die Patient*innen vorab gut aufgeklärt werden und man auch die Zeit im Blick hat. Wenn Patienten noch Schmerzen verspüren, muss eventuell nachgespritzt werden. Ich sage den Patent*innen immer, dass es ganz normal ist, wenn sich der betäubte Bereich irgendwie fremd anfühlt, geschwollen ist, sie Schwierigkeiten beim Sprechen, Schlucken, Ausspülen oder Lachen haben oder die Lippe runterhängt. Das beruhigt.

Elgin: Gibt es typische Nebenwirkungen?

Dr. Winsch: Na ja, die Einstichstelle kann schmerzen oder sich entzünden. Blutergüsse mit Schwellung und Verfärbung können sich auch mal bilden. Und weil manchmal die Nase, Auge, Ohren auch mitbetäubt werden, gibt es da auch oft Einschränkungen.  Ich hatte das glücklicherweise noch nie hier in der Praxis, aber von Kollegen habe ich schon gehört, dass es bei Patient*innen zu einer dauerhaften Schädigung des Nervus lingualis, also der Zunge, oder Nervus buccalis und des Nervus alveolaris inferior gekommen ist.

Elgin: In der letzten Praxis, in der ich ein Praktikum gemacht habe, ist ein Patient kollabiert.

Dr. Windisch. Ja, das passiert schon mal. Auch allergische Reaktion auf verwendete Wirkstoffe gibt’s natürlich. Da ist es echt wichtig, dass man nicht vergisst zu fragen, ob bekannte Allergien oder Unverträglichkeit bestehen und welche Medikamente eingenommen werden. Manche Patienten wissen nicht, dass sie beispielsweise ihr ASS absetzen müssen vor einem gravierenden Eingriff, das muss unbedingt frühzeitig kommuniziert werden.

Elgin: Wegen der Blutung, richtig? (Dr. Windisch nickt). Und nach der Behandlung sollten die Patient*innen darauf hingewiesen werden, dass sie Essen und Trinken vermeiden. Meiner Mutter hat sich mal die Zunge stark verbrüht, weil sie zu früh heißen Tee getrunken hat.

Dr. Windisch: Genau. Die Gefahr, dass man sich unbemerkt verletzt, ist groß. Auch Nachblutungen sollten natürlich vermieden werden. Also am besten auf Orangensaft, Milch, schwarzen Tee, Kaffee, Cola, Alkohol und Zigaretten verzichten.

Elgin: Verlangen die meisten Patient*innen nach Schmerzmitteln? Herr Stutzke wollte ein Opiat verschrieben bekommen.

Dr. Windisch: Klar doch. Analgetika stehen hoch im Kurs. Aber ich gebe auch immer den Rat, mit Coolpacks zu kühlen. Das hilft oft sehr gut. Bei größeren Eingriffen müssen wir die Patient*innen unbedingt auch noch darauf hinweisen, dass ihr Reaktionsvermögen beeinträchtigt ist und sie daher nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen sollten.

Elgin: Gibt es eigentlich noch Alternativen zu den gängigen Betäubungsmethoden?

Dr. Windisch: Na, Lachgas und Hypnose. Aber das ist ein anderes Thema. Darüber unterhalten wir uns demnächst.

 

 Blogautoren: Jana Kirchberger und Markus Ammon

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