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Dezember 2020

Verdacht auf Pyelonephritis

Reger Betrieb im Bezirkskrankenhaus.

Im regionalen Bezirkskrankenhaus herrscht am Sonntagmorgen reger Betrieb. Als sich Alina und Mirko Bauer mit ihrer erst 6 Monate alten Tochter Anika in der Notaufnahme vorstellen, werden sie sofort an die diensthabende Kinderärztin verwiesen. Anika hat hohes Fieber, 40,2 Grad. Ihr Allgemeinzustand ist bereits maßgeblich reduziert und sie reagiert nicht mehr auf die Ansprache ihrer Eltern, die sich zunehmend Sorgen machen. Die Kinderfachärztin, Neda Jahani, führt eine kurze Anamnese durch.

Dr. Jahani: Guten Morgen, ich bin die diensthabende Kinderärztin, wie ich höre, geht es Ihrer Tochter nicht gut? Können Sie mir bitte kurz schildern, was passiert ist?

Frau Bauer: Gestern Abend wirkte Anika plötzlich so apathisch und hatte einen ganz roten Kopf.

Herr Bauer: Wir haben dann sofort Fieber gemessen, aber da war es noch nicht so hoch, erst 38 Grad und da dachten wir nur, sie hätte sich vielleicht verkühlt, weil wir doch jetzt oft draußen mit dem Wagen spazieren gehen und…

Dr. Jahani: Verstehe. Und wie ging es ihr in der Nacht, hat sie geschlafen?

Frau Bauer: Sie ist zwei Mal aufgewacht und dann hab ich sie gestillt und einmal gewickelt und da schien alles etwas besser, aber heute Morgen haben wir nochmal Fieber gemessen und da hatte sie über 40 Grad. Und sie hat kaum mehr auf uns reagiert und sonst ist sie so ein waches Baby. Nicht einmal trinken wollte sie und ganz still ist sie auch.

Dr. Jahani zur Kinderpflegefachfrau Daniela: Danny, könntest du bitte mal bei Annika Fieber messen?

Kinderpflegefachfrau Daniela: Klar, das haben wir gleich. 40,2.

Dr. Jahani: Danke. Frau und Herr Bauer, hat sich Anika erbrochen? Meckert sie bei Berührung oder reagiert sie empfindlich auf Licht?

Frau Bauer: Erbrochen hat sie sich nicht, aber als ich sie vorhin in das Tragetuch packen wollte, hat sie leise gewimmert. Deshalb habe ich sie in den Kinderwagen gelegt. Zur Lichtempfindlichkeit kann ich nichts sagen.

Dr. Jahani: Gut. Bestehen irgendwelche Vorerkrankungen bei Ihrer Tochter, hat man bei den ersten U-Untersuchungen etwas Auffälliges bemerkt?

Frau Bauer: Nein, überhaupt nicht, alles war bisher absolut unproblematisch, ein paar Bauchkrämpfe ja, aber das ist doch normal, oder?

Dr. Jahani: Sicher. Ich würde jetzt gleich ein paar Untersuchungen durchführen, vor allem um eine Meningitis auszuschließen. Das eingeschränkte Bewusstsein müssen wir ernst nehmen.

Herr Bauer: Meningitis, ist das nicht eine Gehirnhautentzündung?

Dr. Jahani: Richtig. Aber ich möchte diesen Verdacht durch eine schnelle Lumbalpunktion ausschließen. Dann haben wir Klarheit und können gut weiterbehandeln.

Frau Bauer: In Ordnung, bitte machen Sie die Punktion.

Auch während der Entnahme des Rückenmarkliquors ist Anika sehr still. Mit geschlossenen Augen und hochroten Kopf lässt sie alle Untersuchungen teilnahmslos über sich ergehen. Der Befund erweist sich allerdings als negativ. Der ebenfalls durchgeführte Urintest weist dann aber Blut im Urin auf. Und auch der Sonografiebefund gibt Grund zur Sorge: die rechte Niere ist leicht verdickt. Alles lässt auf eine akute Pyelonephritis schließen.

Dr. Jahani bespricht den Befund mit den Eltern.

Dr. Jahani: So, jetzt haben wir alle erst einmal nötigen Tests durchgeführt und ich möchte mit Ihnen jetzt den vorläufigen Befund besprechen.

Frau Bauer, die gerade Anika stillt: Ich habe den Eindruck, dass es Anika ein wenig besser geht, sie trinkt wieder.

Dr. Jahani: Ja, das ist schön zu sehen! Wir konnten ja, wie Sie wissen, die Meningitis ausschließen. Jedoch haben weitere Untersuchungen ergeben, dass Anika momentan höchstwahrscheinlich unter einer Nierenbeckenentzündung leidet. Ich habe verlasst, dass eine Urinkultur angelegt wird, damit wir eine genauere Diagnose stellen können. In den nächsten Tagen machen wir noch eine VCUG, also eine Miktionszystourethrografie.

Frau Bauer: Was ist das für eine Untersuchung?

Dr. Jahani: Eine Kontrastmitteldarstellung von Blase und Harnröhre, die während der Blasenentleerung durchgeführt wird. Den dabei entstehenden Bildbefund nennt man Miktionszystourethrografie.

Herr Bauer: Nierenbeckenentzündung, in diesem Alter? Woher hat sie das denn?

Dr. Jahani: Die Pyelonephritis ist eine infektiöse Erkrankung des Nierenbeckens meist infolge eines bakteriellen Infekts. Eine Entzündung des Nierenbeckens kann entstehen, wenn bakterielle Erreger über die Harnleiter ins Nierenbecken aufsteigen. Wenn nur die Blase betroffen ist, spricht man von Blasenentzündung, einer Zystitis. Aber die läuft ohne Fieber ab. Wenn Fieber wie bei Anika dazukommt, und auch eine oder beide Nieren betroffen sind, ist von einer Nierenbeckenentzündung auszugehen. Bei den Bakterien handelt sich meist um E. Coli Bakterien, die aus dem eigenen Darm stammen.

Frau Bauer: Haben wir etwas beim Wickeln falsch gemacht?

Dr. Jahani. Nein, sicher nicht. Das kann einfach passieren. Ich möchte jetzt aber nicht mehr viel Zeit verlieren und rate erst mal dringend zu einer Behandlung mit Antibiotika und zwar intravenös, hier in unserer Kinderklinik. Das Ergebnis des Antibiogramms liegt erst morgen vor und auch die Auswertung der angelegten Harnkultur werden wir erst morgen bekommen, aber ich sehe jetzt sofortigen Handlungsbedarf.

Herr Bauer: Was, drei Wochen hier in der Klinik? Hab ich das richtig verstanden?

Dr. Jahani: Ja. Ich möchte auch noch weitere Untersuchungen durchführen und auch weitere Komplikationen wie etwa eine Urospesis, also eine akute Infektion des Urinaltrakts, verhindern. Außerdem können wir hier sicherstellen, dass Anika mit ausreichend Flüssigkeit versorgt wird. Das ist sehr wichtig, Herr Bauer.

Herr Bauer: Ja, natürlich. Das kommt bloß alles so plötzlich. Und so kurz vor Weihnachten.

Frau Bauer: Wir teilen uns die Betreuung von Anika auf, Mirko. Du nachts und ich tagsüber, das schaffen wir.

Kinderpflegefachfrau Daniela: Machen Sie sich keine allzu großen Sorgen um die Betreuung von Anika. Ich und meine Kolleg*innen sind rund um die Uhr für unsere kleine Patient*innen da. Ich begleite Sie jetzt gleich mal auf Anikas Zimmer und wir besprechen dort in Ruhe, wie es weitergeht. Kommen Sie bitte.

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Blogautoren: Jana Kirchberger und Markus Ammon

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