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Mai 2017

Schmerzen sind kulturgebunden

Wie stark sind denn Ihre Schmerzen?

Wo tut es weh, seit wann bestehen die Schmerzen und wann sind sie das erste Mal aufgetreten? Strahlen sie etwa aus, durch was wurden sie ausgelöst, wie gestalten sich die Schmerzen und wie stark sind sie auf einer Skala von 0 bis 10?

Kommen Ihnen diese Fragen bekannt vor? Sie gehören sicher zum Redemittelkatalog, auf den Sie in Ihrem Deutschtraining, sei es als Kursteilnehmende oder -leitende, immer wieder zurückkommen. Eine intensive Auseinandersetzung mit der Schmerzanalyse ist für alle Deutsch lernenden Ärztinnen und Ärzte unerlässlich, bildet sie doch die Grundlage für ein gelungenes Anamnesegespräch.

Die wissenschaftliche Klassifikation der Schmerzen richtete sich ursprünglich nur nach der Lokalisation, nach dem Charakter und der Zeit. In der heutigen westlichen Medizin wird sie jedoch um die Begriffe des somatischen und emotionalen Schmerzes erweitert, da auch das berufliche Selbstverständnis des Mediziners von gesellschaftlichem Wandel nicht unberührt bleibt. Der „Gott in Weiß“ hat für viele ausgedient und wird ersetzt durch einen empathischen, auf Augenhöhe agierenden Berater. Er würde ergänzend beispielsweise folgende Bereiche abklopfen:

Wie stark behindern die Schmerzen bestimmte Tätigkeiten und Aktivitäten in Alltag und Beruf?

Welche Folgen haben die Schmerzen auf Stimmung, Lebensqualität und Erleben im Krankheitsverlauf gehabt?

Gab es andere Ereignisse und Bedingungen, die mit dem Schmerzbeginn in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise Scheidung, Trennung, Todesfälle, Mobbing am Arbeitsplatz, Überforderungen, Kränkungen und Enttäuschungen, Kündigung und Arbeitslosigkeit?

Sind aber erst einmal alle sprachlichen Hürden gemeistert, stehen Ärztinnen und Ärzte vor einem neuen Problem: Geben diese Fragen wirklich Antworten auf die Schmerzursache? Sind Schmerzempfindung und -toleranz nicht sehr subjektive, individuelle Sinneserfahrungen, bestimmt durch unterschiedliche Faktoren wie Alter, Leidensgeschichte und Persönlichkeit? Und hängt Schmerzäußerung (oder dessen Unterdrückung) nicht zuletzt von der Kultur ab, aus der die Patienten stammen? Und umgekehrt, erwartet nicht auch der Arzt, dass sich sein Patient so verhält, wie er es aus seiner Kultur gewohnt ist?

Stammen die Behandelnden etwa aus dem Mittelmeerraum, werden sie auf schreiende, weinende und stöhnende Patienten vorbereitet sein. Patienten mit dem „Mittelmeersyndrom“ äußern, so die gängige Sichtweise, ihre Schmerzen ohne Hemmungen. Treffen diese Ärzte auf deutsche Patienten, werden sie sich vielleicht wundern, dass diese weniger emotionale Beschreibungen als vielmehr eher nüchterne und detaillierte Schilderungen äußern. Vielen Deutschen ist es wichtig, als Patient ernst genommen und als aktiver Partner im Heilungsprozess anerkannt zu werden.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Schmerzen, abhängig von den gesellschaftlichen Normen der Herkunftsländer der Patienten, unterschiedlich wahrgenommen und ausgedrückt werden. Schmerzen werden aber auch unterschiedlich befragt, erfasst und bewertet, je nach Prägung der Ärztin oder des Arztes.

Was bedeutet das nun für ausländische Ärztinnen und Ärzte, die in Deutschland arbeiten möchten? Müssen jetzt alle so ticken wie die Deutschen? Entwarnung: Unterschiedliche Schmerzwahrnehmung kann ebenso anderen Faktoren zugeschrieben werden. Hier gibt es auch innerhalb Deutschlands regionale und lokale, rurale und urbane Unterschiede. Auch zwischen Generationen, Geschlechtern und Glaubensrichtungen der einzelnen Patienten ergeben sich Differenzen, wird das Erleben von Schmerzen sehr unterschiedlich beschrieben. Und nicht zuletzt beeinflussen familiäres Umfeld, Bildung und soziale Stellung Verhaltensweisen, Einstellungen und die Sprecherpersönlichkeit.

Daher sollte bei der Diagnosestellung und der Behandlung immer der soziokulturelle Hintergrund  berücksichtigt werden. Es gilt, auf die individuelle Lebenssituation der Patienten und die jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen einzugehen, ohne sie in eine Schublade zu stecken und sich von Vorbehalten und der eigenen kulturellen Prägung gefangen nehmen zu lassen. Der Patient als Individuum rückt immer weiter in den Mittelpunkt, sowohl anamnestisch als auch therapeutisch.

Autoren: Markus Ammon und Jana Kirchberger

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