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Juli 2020

Ich glaub, mich trifft der Schlag

Herr Rheinsberg ist besorgt und ruft den Notarzt

Heute ist Achmed Samis erster Einsatz als angehender Rettungssanitäter im NAW (Notarztwagen). Zusammen mit Dr. Karas, einem erfahrenen Notarzt, versorgt er den 57-jährigen Patienten, Herrn Rheinsberg.

Der Anruf war vor einer halben Stunde in der Rettungsstelle eingegangen. Herr Rheinsberg hatte selbst dort angerufen und Symptome geschildert, die auf einen Schlaganfall hinweisen könnten. Seine Aussprache war unklar und verwaschen und er klagte über Taubheitsgefühle im linken Arm.

Das Rettungsteam fand Herrn Rheinsberg in augenscheinlich stabilem Zustand in seiner Wohnung vor. Er entschuldigte sich für den Fehlalarm, es ginge ihm wieder gut, der „Anfall“ sei vorüber.

Hr. Rheinsberg: Tut mir leid, dass ich Sie jetzt umsonst gerufen hab, ich dachte wirklich, mich trifft der Schlag und war in Panik.

Dr. Karas: Immer mit der Ruhe, Herr Rheinsberg. Gut, dass Sie gleich angerufen haben. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Wir schauen jetzt erst mal, womit wir es bei Ihnen zu tun haben. Das ist hier übrigens mein Assistent, Herr Sami.

Achmed: Hallo Herr Rheinsberg, wie geht´s Ihnen denn jetzt?

Hr. Rheinsberg: Besser, aber vorhin, als ich angerufen hatte, dachte ich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen.

Dr. Karas: Herr Rheinsberg, könnten Sie genauer beschreiben, wie das war vorhin, als Sie den Anfall hatten?

Hr. Rheinsberg: Also, ich war gerade im Bad, als mir der Rasierer aus der Hand gefallen ist. Meine ganze linke Seite fühlte sich ganz plötzlich taub an und mir war so schwindlig, dass ich mich auf den Badewannenrand setzten musste.

Dr. Karas: Hatten Sie auch Probleme mit dem Sehen?

Hr. Rheinsberg: Ja, jetzt wo Sie danach fragen…ich habe alles doppelt gesehen, als wenn ich blau wäre.

Dr. Karas: Haben Sie denn etwas getrunken?

Hr. Rheinsberg: Alkohol? Herr Doktor, es noch nicht mal Mittag! Also nein.

Dr. Karas: Herr Rheinsberg, wir machen mal ein paar kurze Tests, ja?

Nach einigen Schnelltests wendet sich der Arzt an den Patienten:

Dr. Karas: So wie Sie mir Ihre Symptome schildern und nach dem, was ich jetzt sehe, können wir einen Schlaganfall nicht ausschließen. Deshalb möchte ich sofort mit Ihnen in die Klinik, um das abzuklären.

Hr. Rheinsberg: Nee. Mir geht´s doch schon wieder bestens. Das passt mir jetzt aber gar nicht.

Dr. Karas: Damit ist nicht zu scherzen. Ich würde Ihnen dringend empfehlen, jetzt mit uns zu kommen. Wenn sich der Verdacht nicht erhärtet, haben Sie nur einen Nachmittag verloren. Aber wenn es doch ein Schlaganfall war, zählt jetzt jede Minute, auch wenn Sie sich im Moment gut fühlen.

Achmed: Sollen wir jemanden verständigen, dass Sie jetzt in die Klinik fahren?

Hr. Rheinsberg: Nee. Ich bin alleinstehend. Da gibt´s niemanden.

Achmed: Setzen Sie sich schon mal hier auf den Transportstuhl. Möchten Sie noch etwas mitnehmen? Wissen Sie, wo Ihre Versichertenkarte ist?

Hr. Rheinsberg: Meine Geldbörse liegt auf der Kommode im Flur. Da ist alles drin.

Achmed: Gut. Ich pack sie ein und dann geht´s gleich los. Wir fahren Sie ins städtische Marienkrankenhaus.

Auf der zehnminütigen Fahrt ins Krankenhaus hat Achmed noch ein paar Fragen an Dr. Karas.

Achmed: Wie erkenne ich denn nun sicher einen Apoplex?

Dr. Karas: Sicherheit bringt erst die Diagnostik im Krankenhaus, am besten mittels MRT.

Achmed: Ja, schon, aber wie entscheide ich, ob der Patient oder die Patientin in die Notaufnahme gebracht werden soll?

Dr. Karas: Also, da gibt´s ne schön Faustregel, die man sich auch gut merken kann.
Die heißt „BE FAST“.

Achmed: Sei schnell?

Dr. Karas: Ja. Insgesamt spielt Zeit die größte Rolle. Time-to-needle ist viereinhalb Stunden.

Achmed: Das heißt, bis zu einer Lyse-Behandlung, oder?

Dr. Karas: Genau. Aber hinter jedem Buchstaben verbirgt sich eine Schnelldiagnostik. B steht für Balance, also Gleichgewicht: Plötzlich aufgetretene Gleichgewichts- oder Gangstörungen können Symptome eines Schlaganfalls sein.

Achmed: Wie bei Herrn Rheinsberg. Ihm war schwindlig.

Dr. Karas: Ja. Und E steht für…

Achmed: Eye? Die Doppelbilder?

Dr. Karas: Seht gut. Das ist ganz typisch. Das Sehvermögen ist meistens auf irgendeine Art beeinträchtigt. Dann kommt F.

Achmed: Und das steht für Face, oder?

Dr. Karas: Ja. Ich hatte ihn ja gebeten, zu lächeln.

Achmed: Ach so. Ich hatte mich schon gewundert.

Dr. Karas: Sie könnten den Pateinten auch bitten, Zähne zu zeigen oder die Backen aufzublasen. Wer da Schwierigkeiten hat, das gleichmäßig durchzuführen, hat wohl Lähmungserscheinungen. Ein guter Indikator.

Achmed: Und A?

Dr. Karas: Das sind die Arme. Der Patient soll beide Arme mit nach oben geöffneten Handflächen nach vorne strecken, sodass die Arme ohne Unterstützung im 90°-Winkel zur Körperachse gehalten werden. Bei einer Lähmung kann ein Arm nicht in die verlangte Position gebracht oder in ihr gehalten werden, sinkt oder dreht sich nach innen.

Achmed: Ach so. Das konnte Herr Rheinsberg auch nicht.

Dr. Karas: Sehen Sie. Und S ist eine Abkürzung für „Speech“, also Sprache.

Achmed: Ach ja, die Kollegin, die den Anruf entgegengenommen hatte, meinte, dass der Patient lallt. Ich wusste gar nicht, was das heißt, aber sie erklärte mir, dass es undeutliches, verlangsamtes Sprechen bedeutet.

Dr. Karas: Stimmt. Dann bleibt nur noch T wie Time. Und deshalb fahren wir jetzt ins Marienkrankenhaus. Das ist zwar etwas weiter entfernt, aber dafür haben Sie dort eine Stroke Unit.

Achmed: Da habe ich ja an meinem ersten Tag schon gleich etwas Wichtiges gelernt, danke Doc.

Dr. Karas: Immer gerne. Bis zum nächsten Einsatz!

Blogautoren: Markus Ammon und Jana Kirchberger

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