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Mai 2017

Eine lange Reise mit vielen Zwischenstopps

Aus dem Tagebuch eines tunesischen Arztes

Riad M. ist endlich am Ziel seiner langen Reise durch den Dschungel medizinischer Einrichtungen und Behörden in Deutschland angekommen und arbeitet seit einigen Monaten als Landarzt in Mecklenburg-Vorpommern. Doch diese Reise war nicht einfach. Bei seiner Einreise in Deutschland dachte er noch, das Schwierigste läge bereits hinter ihm: ein anspruchsvolles Studium in seiner Heimat,  mehrere Jahre Arbeit als Kinderarzt unter schwierigen Bedingungen, abendliche Deutschkurse und eine kafkaeske Kommunikation mit unterschiedlichen Behörden, um an ein Arbeitsvisum für Deutschland zu gelangen. Doch die größten Herausforderungen standen ihm noch bevor.

Als Nicht-EU-Bürger begann er wie alle anderen ausländischen Ärzte mit einem Antrag auf Berufserlaubnis, für den er ein bereits in der Heimat erworbenes Zertifikat Deutsch B2 vorweisen konnte. Die zuständige Behörde, in seinem Fall das LaGeSo in Berlin, prüfte nun seine allgemeine persönliche und fachliche Eignung, woraufhin er sich zur Fachsprachenprüfung Medizin C1 der dortigen Ärztekammer anmelden konnte. Für Riad bedeutete dies erneut Deutsch zu büffeln. Die Fachsprachenprüfung an der Berliner Ärztekammer bestand er jedoch beim ersten Anlauf nicht, mit der Rückmeldung, dass er noch zu unverständlich spreche. Erst nachdem er an seiner Aussprache gearbeitet hatte, bestand er die Prüfung.

Nun erhielt Riad eine auf zwei Jahre befristete und auf bestimmte Tätigkeiten begrenzte Arbeitserlaubnis und fand sehr schnell eine Stelle als Assistenzarzt in der Pädiatrie an einer Berliner Klinik. Aber Riad war ja gekommen, um zu bleiben. Deshalb ging er nun die höchste Hürde an, und das auch noch parallel zu seinem sehr fordernden neuen Klinikjob: der Nachweis der Gleichwertigkeit seiner Ausbildung mit einem Medizinstudium in Deutschland. Riads Entscheidung für Berlin glich einem Glücksspiel, da die Bewertungsmaßstäbe, die in den verschiedenen Bundesländern angesetzt werden, voneinander abweichen und oft nicht klar definiert sind. Eine schon 2013 von der Gesundheitsministerkonferenz der Länder beschlossene „Gutachtenstelle“  gibt es bis heute nicht.

Jetzt hieß es erneut Dokumente zu beschaffen, übersetzen und beglaubigen zu lassen; u.a. benötigte er ein aktuelles Führungszeugnis aus Tunesien, das lediglich mit dreimonatiger Gültigkeit ausgestellt wird, wovon schon mehrere Wochen durch die notariell beglaubigte Übersetzung verbraucht werden. Nachdem er den Behörden all seine Dokumente zur Überprüfung vorgelegt hatte, stand ihm nun die mündlich-praktische Kenntnisprüfung bevor, deren Bezugsrahmen ein komplettes deutsches Medizinstudium darstellt. Wieder musste Riad, auch mal nach 14 Stunden Dienst, die Schulbank drücken. Was als praktische Erfahrung eigentlich die Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung erleichtern soll, erweist sich als Extrembelastung: 80 Wochenstunden sind keine Seltenheit, und Riads Einsatzgebiete lagen oft in nicht prüfungsrelevanten Bereichen.

Die 90 minütige Prüfung, die er vor einer vom Lageso bestellten ärztlichen Kommission ablegte, war sehr anspruchsvoll: Neben den Kernfächern Innere Medizin und Chirurgie wird hier das Wissen zu vielen weiteren Querschnittsfächern abgefragt. Werden Ausbildungsdefizite vermutet, kann auch ein weiteres Fach geprüft werden.

Aber Riad konnte die Kommission überzeugen und erhielt die Approbation und damit das Recht, den Arztberuf in ganz Deutschland auszuüben. Die Erleichterung war groß, denn ein zweimaliges Nichtbestehen hätte das Ende seiner medizinischen Laufbahn in Deutschland bedeutet. Nach zweieinhalb Jahren war er der Hektik der Großstadt überdrüssig und fand problemlos eine Stelle in einer Kinderarztpraxis nahe Waren an der Müritz.


Autoren: Markus Ammon und Jana Kirchberger

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