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April 2019

Eine dicke Lippe

In der Notaufnahme eines Münchner Krankenhauses stellt sich am Sonntagabend der 30-jährige Tobias Schlüter vor.

Schwester Sabine: Guten Abend, ja was haben wir denn da?

Herr Schlüter: Das sieht man ja wohl.

Schwester Sabine: Meinen Sie Ihre Lippen – ganz schön geschwollen!

Herr Schlüter: Sie, ich krieg auch schlecht Luft und mein Hals ist angeschwollen. Rufen Sie bitte den Notarzt.

Schwester Sabine: Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?

Herr Schlüter: Ja, hier. Aber das ist doch wohl jetzt nicht wichtig, oder?

Schwester Sabine: Jetzt setzen Sie sich erst mal, ich ruf Sie gleich auf. Es ist zum Glück nicht viel los heute Abend.

Nach einigen Minuten wird Herr Schlüter in den Behandlungsraum gerufen.

Dr. Döll: Grüß Gott, mein Name ist Döll, ich bin der diensthabende Arzt. Kommen Sie wegen Ihrer Lippen?

Herr Schlüter: Ja und ich habe auch Schluckbeschwerden und Atemnot. Außerdem hab ich am ganzen Körper rote Quaddeln. Und die Lippen sind ganz taub.

Dr. Döll: Verstehe. Haben Sie auch Schmerzen in der Brust? Ein Engegefühl?

Herr Schlüter: Nein, das nicht.

Dr. Döll: Das ist gut. Jetzt lassen Sie mal den Ausschlag sehen. Wo haben Sie denn den?

Herr Schlüter: Am ganzen Körper, besonders am Rücken und an den Beinen (zieht sein Hemd hoch).

Dr. Döll: Nesselfieber. Seit wann sind denn Ihre Lippen so geschwollen?

Herr Schlüter: Das hat vor zwei Stunden angefangen.

Dr. Döll: Gab es einen bestimmten Auslöser dafür? Haben Sie zum Beispiel etwas Ungewöhnliches gegessen oder benutzen Sie ein neues Waschmittel oder Kosmetikprodukt?

Herr Schlüter: Nicht, dass ich wüsste. Das kam ganz plötzlich.

Dr. Döll: Sind Sie Allergiker?

Herr Schlüter: Nein. Ich vertrage eigentlich alles. Nur einmal hatte ich eine Reaktion auf einen Bienenstich.

Dr. Döll: Nehmen Sie Medikamente?

Herr Schlüter: Nein, nur ab und zu eine Kopfschmerztablette. Heute Mittag hab ich auch eine genommen, weil ich nach der Fahrradtour solche Kopfschmerzen hatte.

Dr. Döll: Eine Radtour haben Sie gemacht? Jetzt schauen wir uns mal Ihren Hals an (tastet den Hals ab). Die Lymphknoten sind etwas angeschwollen. Öffnen Sie bitte mal den Mund. Ja, etwas gerötet. Und das Schlucken fällt Ihnen schwer, sagten Sie?

Herr Schlüter: Ja. Ich hab einen Kloß im Hals. Aber es geht schon etwas besser.

Dr. Döll: Gut. Die Atemnot und die Schluckbeschwerden kommen sicher auch von der Aufregung, kein Wunder, Ihre Lippen sind ja wirklich sehr dick. Hat Sie vielleicht etwas gestochen?

Herr Schlüter: Ich glaub nicht. Das hätte ich doch gemerkt.

Dr. Döll: Hm. Ich sehe auch keinen Einstich. Hatten Sie das schon mal?

Herr Schlüter: Na ja. Wie gesagt, nach dem Bienenstich war meine Hand ganz dick.

Dr. Döll: Also erst mal Entwarnung für Sie, Herr Schlüter. Das ist nichts Lebensbedrohliches. Machen Sie sich keine übertriebenen Sorgen. Die Schwellung an den Lippen kann unterschiedliche Ursachen haben. Aber mir sieht das eher nach einer allergischen Reaktion aus. Haben Sie schon mal einen Allergietest machen lassen?

Herr Schlüter: Nein. Dazu gab es keinen Anlass. Heuschnupfen hatte ich noch nie.

Dr. Döll: Das muss auch gar nicht sein. Aber jetzt im Frühling, bei diesem Pollenflug, kann es schon sein, dass Sie eine Allergie entwickelt haben.

Herr Schlüter: Hat man das nicht schon im Kindesalter?

Dr. Döll: Nein. Auch Erwachsene können das kriegen.

Herr Schlüter: Aber was hat meine Lippe mit einer Allergie zu tun?

Dr. Döll: Allergie heißt nicht nur Heuschnupfen. Ich denke, Sie haben ein "orales Allergie-Syndrom", OAS. Pollen können auch eine allergische Reaktion an der Mundschleimhaut auslösen. Da kann es zu Schwellungen der Zunge, der Lippen mit Taubheit und Beschwerden im Kehlkopfbereich mit Atemnot kommen. Und Sie waren ja heute lange im Freien.

Herr Schlüter: Verstehe.

Dr. Döll: Ich verschreibe Ihnen mal ein Antiallergikum und eine Salbe für die Quaddeln. Das sollte die akuten Symptome deutlich lindern. Und dann würde ich Sie bitten, beim Hautarzt oder gleich beim Allergologen vorstellig zu werden, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Herr Schlüter: Ja, da warte ich ja Wochen auf einen Termin!

Dr. Döll: Sind Sie gesetzlich versichert?

Herr Schlüter: Ja.

Dr. Döll: Dann versuchen Sie es doch mal bei der Servicestelle der kassenärztlichen Vereinigung. Die helfen Ihnen bei der Arzt- und Terminsuche.

Herr Schlüter: Na gut. Wie lange wird es dauern, bis meine Lippen wieder abschwellen? So kann ich ja nicht auf die Straße gehen.

Dr. Döll: In ein bis zwei Tagen sollte das zurückgegangen sein. Für eine Krankschreibung müssen Sie halt zu Ihrem Hausarzt gehen, falls Sie morgen keinen Termin beim Facharzt bekommen.

Herr Schlüter: Hoffentlich nimmt der mich wenigstens dran.

Unsere Blogautoren: Jana Kirchberger und Markus Ammon


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