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April 2019

Der Totenschein

Ein junge Arzt aus Griechenland wird über den Tod einer Patientin auf der Onkologie informiert.

Schwester Nadine: Dr. Karas, Frau Schmidtbauer ist gerade gestorben. Könnten Sie die Formalitäten erledigen?

Dr. Karas: Ich? Das habe ich tatsächlich noch nie gemacht. Ich weiß nicht so richtig, wie das in Deutschland funktioniert – in Griechenland haben wir dafür einen vorgedruckten Totenschein…

Schwester Nadine: Hier haben wir so was auch. Dann ruf ich doch lieber Dr. Hansen, aber schauen Sie ihm dabei mal über die Schulter, damit Sie für das nächste Mal gerüstet sind.

Dr. Karas: Ok. Danke, Schwester.

Dr. Hansen: So, ein Todesfall. Sie brauchen Hilfe beim Ausstellen des Totenscheins? Verstehe ich das richtig, Dr. Karas?

Dr. Karas: Ja. Ich kenne mich damit in Deutschland noch nicht aus.

Dr. Hansen: Der Totenschein besteht aus zwei Teilen, einem vertraulichen und einem nicht vertraulichen. Kommen Sie, wir schauen uns das mal gemeinsam an. Um wen geht es denn überhaupt?

Dr. Karas: Hier, auf Zimmer 14. Frau Schmidtbauer, ein Gebärmutterkarzinom.

Dr. Hansen: Ja. Da konnten wir wirklich nichts mehr machen, bei der Metastasierung.
Stellen wir zuerst die Todesursache fest. Wir untersuchen die Verstorbene erst mal gründlich gemeinsam und dann stellen wir den L-Schein aus.


Dr. Karas: L-Schein?

Dr. Hansen: Den Leichenschauschein, auch Todesbescheinigung genannt.

Nach eingehender Untersuchung füllen die Ärzte den Totenschein aus.

Dr. Hansen: Wir klären erst mal, welche Krankheit oder welcher Umstand die unmittelbare Todesursache war und tragen das ein.

Dr. Karas: Also bei der Todesursache schreibe ich dann „maligner Gebärmuttertumor mit Metastasen in Magen, Darm und Lunge mit Folge eines multiplen Organversagens“.

Dr. Hansen: Moment mal, erst die unmittelbare Todesursache.

Dr. Karas: Also Organversagen.

Dr. Hansen: Gut. Und dann in der nächsten Zeile vermerken wir, dass eine andere Grunderkrankung zugrunde liegt.

Dr. Karas: Das heißt ein sogenannter „divergierender Sterbenstyp“, oder?

Dr. Hansen: Genau. Hier liegt ein organspezifisches Grundleiden vor, welches über Streuungseffekte zur Schädigung des Gesamtorganismus führte. So, jetzt brauchen wir noch den Zeitraum bis zum Tod und zwar ausgehend vom geschätzten Krankheitsbeginn. Haben Sie die Patientenakte zur Hand?

Dr. Karas: Hier steht Erstbefund im Mai vergangenen Jahres.

Dr. Hansen: Haben Sie bitte das genaue Datum für mich?!

Dr. Karas: Der 3. Mai 2018.

Dr. Hansen: Sind noch weitere Erkrankungen aufgeführt?

Dr. Karas: Ja. Hypertonie.

Dr. Hansen: Gut, dann tragen wir das hier noch mit ein.

Dr. Karas: Soll ich da nicht noch was dazuschreiben? Reicht das so?

Dr. Hansen: Klar. Das ist ein Totenschein und kein Roman. Fassen Sie sich kurz, aber verzichten Sie auf Abkürzungen.

Dr. Karas: Und die ganzen persönlichen Daten?

Dr. Hansen: Die Personenangaben, den zuletzt behandelnden Arzt, Sterbezeitpunkt und -ort und Ihren Namen tragen Sie mal selber ein und unterschreiben Sie auch.

Dr. Karas: Und an wen geht das?

Dr. Hansen: Moment. Hier gibt es noch den vertraulichen Teil. Da müssen wir noch was ergänzen und zwar, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt und angeben müssen wir noch sichere Zeichen des Todes, in unserem Fall wäre das die Totenstarre. Steht in der Akte etwas zum Bestattungswunsch von Frau Schmidtbauer?

Dr. Karas: Ja, Feuerbestattung.

Dr. Hansen: In dem Fall geht das Ganze ans Gesundheitsamt und ans Krematorium, falls die dort eine zweite Leichenschau durch einen Amtsarzt anordnen. Wir wissen nicht, in welchem Bundesland sie bestattet wird. Die Regeln variieren nämlich von Bundesland zu Bundesland.

Dr. Karas: Ganz schön kompliziert, das Sterben in Deutschland.

Unsere Blogautoren: Jana Kirchberger und Markus Ammon

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