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Oktober 2020

Delirantes Syndrom

Pflege nach einer Hüft-TEP-Operation (Totalendoprothese an der Hüfte).

Auf der Unfallchirurgie des örtlichen Klinikums wird der Neuzugang Josef Rümmelein in den OP gebracht. Der 78-jährige hatte bei einem Sturz auf der Terrasse seines Gartens eine linksseitige Oberschenkelhalsfraktur erlitten. Nach einer Hüft-TEP-Operation (Totalendoprothese an der Hüfte) befindet sich der Patient zunächst im Aufwachraum und wird dann in ein Mehrbettzimmer auf die Normalstation verlegt. Die Pflegefachfrau Swetlana hat den Patienten übernommen und sich nochmal ein Bild über Herrn Rümmeleins Zustand gemacht. Seine Vitalwerte liegen im Normbereich, er ist wach und ansprechbar. Eine Stunde später schaut sie wieder nach ihrem Patienten.

Pflegefachfrau Swetlana: Na, Herr Rümmelein, wie geht´s Ihnen denn? Haben Sie Schmerzen?

Herr Rümmelein (schreit): Was soll das hier? Ich möchte sofort raus! Eine Zumutung ist das hier! Was wollen Sie denn hier in dem Aufzug?

Pflegefachfrau Swetlana: Ganz ruhig Herr Rümmelein. Alles ist gut. Sie wurden gerade operiert und sind jetzt auf der Normalstation.

Herr Rümmelein: Ich möchte sofort hier raus. Ich gehe jetzt.

Herr Rümmelin versucht sich aufzurichten und aufzustehen. Schnell klingelt Swetlana um Hilfe, denn sie befürchtet, den Patienten nicht alleine beruhigen zu können.

Pflegefachmann Axel: Bin schon da, was gibt‘s?

Pflegefachfrau Swetlana: Herrn Rümmelein geht´s gerade nicht so gut. Er ist plötzlich verwirrt und sagt, er will hier weg.

Pflegefachmann Axel setzt sich zu Herr Rümmlein auf Bett und nimmt seine Hand.
Hören Sie mich, ich bin Pfleger Axel, wissen Sie, wo Sie sind?

Herr Rümmelein: Ich möchte hier raus. Ich bin nicht verrückt. Ich gehöre nicht in die Psychiatrie.

Pflegefachmann Axel: Sie sind im Krankenhaus, Herr Rümmelein, weil sie eine neue Hüfte bekommen haben. Wie heißen Sie denn mit Vornamen?

Herr Rümmelein: Keine Ahnnung. Was soll die dumme Fragerei? Lassen Sie mich raus.

Pflegefachfrau Swetlana: Du, ich glaube, der ist wirklich stark verwirrt. Also örtlich und situativ und mich hat er eben auch nicht als Pflegefachkraft wahrgenommen.

Pflegefachmann Axel: Das sieht mir nach einem deliranten Syndrom aus. Lass uns besser Dr. Wiener rufen. Das ist ein Notfall.

Pflegefachfrau Swetlana: OK.

Der diensthabende Arzt Dr. Wiener bestätigt den Verdacht eines deliranten Syndroms. Als Herrn Rümmeleins Tochter am nächsten Tag ihren Vater besuchen möchte, nimmt er sich Zeit, um mit der nächsten Angehörigen ein kurzes Gespräch zu führen.

Dr. Wiener: Frau Rümmelein, ich möchte Sie kurz über den Zustand Ihres Vaters informieren.

Merit Rümmelein: Gerne. Ist die Hüft-OP gut verlaufen?

Dr. Wiener: Ja. Da läuft alles nach Plan. Aber leider ist gestern nach dem Aufwachen ein sogenanntes Delirantes Syndrom bei Ihrem Vater aufgetreten über das wir sprechen sollten.

Merit Rümmelein: Ein was? Delirium?

Dr. Wiener: Ja. Ganz richtig, ein plötzlicher Verwirrtheitszustand. Bei Ihrem Vater handelt es sich um ein hyperaktives Delir mit gesteigerter Vigilanz, also Wachheitsgrad und psychomotorischer Unruhe. Ihr Vater möchte nicht im Bett liegen bleiben.

Außerdem schreit er laut, verhält sich gegenüber dem Pflegepersonal aggressiv und neigt zu Halluzinationen und erhöhtem Sympathikotonus, das heißt sein sympathisches Nervensystem ist erregt.

Merit Rümmelein: Wie äußert sich das denn genau?

Dr. Wiener: Ihr Vater kommt den Aufforderungen des Pflegepersonals nicht nach, sein Kurzzeit- und Ultrakurzzeitgedächtnis ist gestört. Sein situatives Verständnis ist deutlich eingeschränkt. Er weiß weder, wo er ist, noch, dass er operiert wurde. Er glaubt, er sei in der Psychiatrie gelandet. Das ist typische für illusionäre Verkennungen und Wahrnehmungsstörungen.

Merit Rümmelein: Das klingt nicht gut. Wie haben Sie ihn denn jetzt behandelt?

Dr. Wiener: Fürs Erste haben wir Ihren Vater in ein Ein-Bett-Zimmer verlegt. Dort können wir Reizüberflutung minimieren und auch sicherstellen, dass Ihr Vater nicht von Lautstärke oder greller Raumbeleuchtung gestört wird. Da sich Ihr Vater mit allen Mittel gegen jegliche Behandlung und Zuwendung gewehrt hatte, konnte auf eine temporäre Fixierung nicht verzichtet werden zu seiner eigenen Sicherheit und der des Personals. Wir haben ihm zur Beruhigung ein Antipsychotikum gegeben und Ihr Vater hat sich schon etwas beruhigt.

Merit Rümmelein: Oh Gott. Bleibt das jetzt so?

Dr. Wiener: In der Regel besteht das Delirium nur einige Tage, aber das hängt von der Vorgeschichte der Patienten ab. Ich würde Ihnen dazu gerne einige Fragen stellen, in Ordnung?

Merit Rümmelein: Ich versuche so gut es geht, Ihre Fragen zu beantworten. Aber alles weiß ich auch nicht über Papa.

Dr.  Wiener: Danke, Frau Rümmelein, das kriegen wir schon hin. Also, erst einmal zu der Lebenssituation Ihres Vaters – lebt er allein?

Merit Rümmelein: Ja. Er ist ja noch ganz fit und war bisher noch nie verwirrt (weint).

 

 Blogautoren: Jana Kirchberger und Markus Ammon

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