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Oktober 2018

Das Kompartmentsyndrom

Nach einem chirurgischen Eingriff auf der Unfallstation erwacht der 40-jährige Biker Manuel Giese im Aufwachraum.

Krankenpflegerin Anita hat heute Dienst.

Schwester Anita: Hallo Herr Giese, hören Sie mich?


Herr Giese: Ja sicher, wann geht's denn endlich los mit der OP?

Schwester Anita (lächelt): Herr Giese – Sie haben schon alles überstanden und kommen jetzt gerade aus der Narkose zurück. Ich messe gleich mal Ihren Blutdruck.

Herr Giese: Was, schon vorbei?

Schwester Anita: Ja! Und Ihr Blutdruck hat sich auch stabilisiert. Wie fühlen Sie sich?

Herr Giese: Ein bisschen benommen bin ich schon.

Schwester Anita: Herr Giese, können Sie sich an Ihren Unfall erinnern?

Herr Giese: Ja. Ich bin mit meinem Motorrad auf einen PKW aufgefahren. Das hat ganz schön gekracht. Und dann war ich bei Ihnen und mein Bein tat mir so weh.

Schwester Anita: Richtig. Sie hatten Druckschmerz an Ihrer Quetschwunde und Dr. Söder hat ein Kompartmentsyndrom diagnostiziert. Deswegen sind Sie ja eben nochmal operiert worden.

Herr Giese: Ach so. Wie geht's denn jetzt weiter mit mir? Haben Sie meinen Lebensgefährten schon informiert? Der macht sich bestimmt Sorgen.

Schwester Anita: Ja. Darum hatten Sie mich ja gebeten. Ihr Partner kommt heute Abend zu Ihnen.

Herr Giese: Danke, Schwester. Wie lange muss ich denn noch hierbleiben?

Schwester Anita: Sie haben die OP und die Narkose ja offensichtlich gut überstanden. Deswegen können wir Sie gleich in Ihr Patientenzimmer verlegen. Und später kommt Frau Dr. Söder und bespricht alles Weitere mit Ihnen.

Herr Giese: Ich habe so 'nen pelzigen Geschmack im Mund. Kann ich was zu Trinken bekommen?

Schwester Anita: Sicher, ich bring Ihnen gleich ein Glas Wasser und dann fahr ich Sie rüber auf Ihr Zimmer.

Nachdem Herr Giese auf die Normalstation verlegt wurde, kommt die diensthabende Ärztin, Frau Dr. Söder, ins Krankenzimmer.

Dr. Söder: Hallo, Herr Giese. Wie geht es Ihnen jetzt?

Herr Giese: Das Bein tut grad nicht weh und außerdem könnte ich Bäume ausreißen. Kann ich nicht gleich heimgehen?

Dr. Söder (grinst): Schön, das zu hören. Aber ich glaube, Sie schweben noch ein bisschen auf der Narkosewolke, Herr Giese. Das ist ganz normal. Sie sollten sich darauf einstellen, dass Sie noch mindestens eine Woche stationär behandelt werden müssen.

Herr Giese: Eine Woche?! Das kann doch nicht sein. Bei dieser kleinen Wunde! Jetzt mal ehrlich: War diese OP denn überhaupt nötig? 

Dr. Söder: Herr Giese, ich verstehe gut, dass Sie so schnell wie möglich nach Hause wollen. Aber lassen Sie mich Ihnen bitte Ihre Situation erklären. Wir haben bei Ihnen ein akutes Kompartmentsyndrom notoperativ behandelt und dabei die Haut und die darunter liegende Bindegewebsschicht, also die Faszie, über die gesamte Länge des betroffenen Kompartments eröffnet. Dann haben wir die Wunde mit einem synthetischen Hautersatz bedeckt.

Herr Giese: Was?? Künstliche Haut?

Dr. Söder: Keine Sorge, das ist nur vorübergehend. In ein bis zwei Wochen können wir die Wunde endgültig mit einer Naht schließen. Bis dahin müssen wir sehen, dass die Wundheilung störungsfrei verläuft und kein weiterer Überdruck im Gewebe entsteht.

Herr Giese: Also, ich halte das für übertrieben.

Dr. Söder: Tatsächlich haben Sie großes Glück gehabt, dass Schwester Anita mich gleich informiert hat und wir sofort operiert haben, Herr Giese. Ein unbehandeltes Kompartmentsyndrom kann schwere Folgen haben. Durch die Druckerhöhung ist die Versorgung des betroffenen Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen beeinträchtigt. Ein normaler Gewebeinnendruck beträgt weniger als 10 mmHg, bei Ihnen hatten wir den vierfachen Wert. Da kann es zum Zerfall von Muskelgewebe kommen bis hin zur Nekrose, also dem Absterben von Gewebe, und das heißt dann Amputation.

Herr Giese: Oha. Das war mir nicht klar.

Dr. Söder: Vor kurzem hatten wir einen vergleichbaren Fall mit akut lebensbedrohlichen Komplikationen. Bei einer Zerstörung von Muskelgewebe werden Stoffe freigesetzt, die zu einem Versagen lebenswichtiger Organe führen können. Das heißt dann Crush-Syndrom und bedeutet Dialyse.

Herr Giese: OK. Entschuldigung. Dann möchte ich mich bei Ihnen für Ihre schnelle Reaktion bedanken.

Dr. Söder: Da nicht für, Herr Giese. Da wir rechtzeitig eingegriffen haben, ist die Prognose bei Ihnen sehr gut.

Herr Giese: Glauben Sie, ich kann im nächsten Frühjahr wir geplant meine Motorradtour durch die Wüste Gobi machen?

Dr. Söder: Wenn alles gut läuft und Sie nach Ihrer Entlassung fleißig zur Ergotherapie gehen, dann spricht nichts dagegen.

 

Blogautoren: Markus Ammon und Jana Kirchberger

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