Fußballtraining und Sprachenlernen
Das Gehirn ist kein Muskel – aber der Muskel manchmal eine gute Metapher
Fußballtraining – und Training im Sport allgemein – eignet sich auf den ersten Blick gut als Allegorie fürs Sprachenlernen. Der Lerner wird zum Fußballspieler, eine Rolle in die sich so mancher ohnehin gerne hineinträumt, gerade wenn eine Fußballweltmeisterschaft ansteht, der Lehrer wird zum Trainer, der Unterrichtsraum zum Fußballplatz, und der Ball … Ja, irgendwann stößt die Allegorie dann an ihre Grenzen, auch wenn sich Kommunikation wieder recht gut als das Hin-und-Her-Spielen eines Balles denken lässt.
Mit Allegorien muss man bisweilen vorsichtig sein – und genau so ist es auch mit Übertragungen vom Fußballtraining aufs Sprachenlernen und umgekehrt. Manche Erkenntnisse aus der Trainingslehre lassen sich recht gut auf Sprachdidaktik beziehungsweise auf das Lernen allgemein übertragen, andere aber auch nicht und manche nur teilweise. Darum lohnt sich ein genauerer Blick.
Überladung der Muskeln
Ein wichtiges Konzept, das in der Trainingslehre höchst relevant ist, ist progressive overload, also, in seiner Grundbedeutung, einen Muskel immer wieder (leicht) zu überfordern, um anzuregen, dass der Muskel sich in der Folge nicht nur regeneriert, sondern stärker wird. Eine wirkliche – also starke – Überforderung würde dagegen etwa dazu führen, dass die Trainingseinheit aus Erschöpfung gar nicht beendet werden kann oder der Sportler sich verletzt. Ein Training auf zu niedrigem Niveau würde wiederum im Gegensatz dazu überhaupt keinen Trainingseffekt und damit keine Verbesserung oder auch nur Erhaltung der Leistungsfähigkeit erzielen. Die Parallelen zum Lernen sind augenfällig: Wer nur Wörter oder Strukturen oder Situationen übt, die er schon beherrscht, wird im besten Fall sein Sprachniveau halten, wer aber besser werden möchte, muss gefordert werden.
Überladung im Kopf
Die Parallelen zum Fußball – und anderen Mannschaftssportarten und Sportarten mit Gegner im Gegensatz zu Sport allgemein – lassen sich sogar weiter vertiefen. Das liegt daran, dass im Fußball eine besondere Art des Lernens auch Teil des Trainings ist. Anders gesagt: Fußballer trainieren nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit dem Kopf – und zwar nicht nur am Kopfballpendel. Das soll nicht heißen, dass ein Fußballer unbedingt intelligenter wäre als andere Sportler. Allerdings muss ein Fußballer auf dem Platz viel mehr und viel komplexere Entscheidungen treffen als etwa ein Skispringer auf der Schanze oder ein Sprinter beim 100-Meter-Lauf.
Der Fußballspieler muss nicht nur trainieren, schnell zu laufen, sicher zu passen und präzise zu schießen, sondern er muss auch lernen, auf seine Mit- und insbesondere Gegenspieler zu reagieren. Egal wie gut seine körperlichen Fähigkeiten ausgeprägt sind, werden diese ihm wenig nützen, wenn er die Herausforderungen eines echten Fußballspiels nicht kennt. Wer immer nur den Ball im Park hin und her gepasst hat oder gar nur einsam über einen Bolzplatz gedribbelt ist, merkt dann schnell, dass sich alles ganz anders anfühlt, wenn Gegenspieler auf ihn zustürmen – vom Defensivverhalten ganz zu schweigen, das sich allein fast überhaupt nicht trainieren lässt. Dieser Effekt existiert allerdings nicht nur beim Wechsel vom lockeren Hin-und-Her-Passen auf der Wiese zum echten Spiel, sondern auch beim Wechsel von einem niedrigeren auf ein höheres Niveau, etwa eine oder zwei Ligen nach oben oder von einer Altersklasse in die nächste.
Im American Football gibt es dafür die Formulierung: „The game slows down“, also etwa: „Das Spiel verlangsamt sich.“ Das ist die typische Erfahrung, die ein Spieler – im American Football wie im Fußball – macht, während er Spielerfahrung auf einem neuen Level, etwa in der Bundesliga, sammelt, der vorher in der zweiten oder dritten Liga gespielt hat. Natürlich wird das Spiel nicht wirklich langsamer. Vielmehr kommt einem das Spiel auf dem neuen Niveau, das einem zunächst unglaublich schnell, chaotisch und unüberschaubar erschien, mit der Erfahrung immer mehr wie das Spiel auf dem alten Niveau vor, mit dem man bereits vertraut war. Der Spieler gewöhnt sich daran, was passiert, und die Vielzahl der Eindrücke kann mental endlich auf das Wesentliche reduziert werden. Das gelingt aber nicht allen. Dann war der overload zu groß. Wir können uns also nicht nur eine progressive mentale Überladung beim Lernen analog zum progressive overload der Muskulatur vorstellen, sondern wir finden genau diese mentale Variante auch ganz maßgeblich wiederum im Fußball.
So nah an der Realität wie möglich
Ein weiteres Konzept, das sich hier anschließen lässt, ist „Fußball durch Fußball“, was auch der Titel eines Buches von Marco Henseling und dem heutigen Co-Trainer des FC Bayern München, Rene Marić, ist. Fußball durch Fußball, das bedeutet, dass man Fußball am besten lernt, indem man Fußball spielt, nicht durch Waldläufe, Elfmetertraining und Hütchenslalom. Der Grund ist derselbe, den wir oben schon gesehen haben: Trockenübungen sind nicht dasselbe, wie die Sache wirklich zu tun. Man kann – und sollte – nicht immer Elf-gegen-Elf spielen, aber man sollte Trainingsformen finden, die echten Spielsituationen möglichst nahekommen.
Das gilt natürlich auch fürs Sprachenlernen. Man kann zum Beispiel nicht immer nach Spanien fliegen, um in Spanien mit echten Spaniern sein Spanisch zu üben, aber man kann Situationen schaffen, die einen auf echte Situationen vorbereiten, in denen man seine Spanischkenntnisse zum Einsatz bringt. Das können Simulationen sein, aber auch echte Situationen, etwa indem die Lernenden mit der Lehrkraft zu Mittag essen oder gar zuerst noch zusammen kochen und dabei in der Zielsprache kommunizieren. Das ist natürlich besonders wichtig für die gesprochene Sprache. Beim Sprachenlernen sprechen wir hier von „Immersion“. Bei Immersion geht es darum, in möglichst echten Situationen seine Sprachfähigkeiten zu erproben und lange Zeit in der Zielsprache zu bleiben, anstatt beständig zur Muttersprache zurückzuwechseln. Das ist übrigens auch ein guter reality check für jeden, der seine Sprachkenntnisse sonst nur aus Apps oder durch passives Aufnehmen gewinnt.
In den Flow kommen
Immersion geht allerdings noch ein bisschen weiter und bringt dann auch einige Effekte mit sich, die sich so nicht ohne Weiteres auf den Fußball übertragen lassen. Sprachlerner berichten so von einem Umschalten im Kopf, das sich nach einer gewissen Zeit der Immersion einstellt. Agiert der Lerner etwa mehrere Stunden nur in der Zielsprache, stellt sich das Gefühl ein, dass das Gehirn wie automatisch auf Formulierungen in der Zielsprache zurückgreift. Der Umweg über die Muttersprache wird durch die lange Zeitdauer zurückgedrängt und auch das Denken in abstrakten grammatikalischen Kategorien tritt in den Hintergrund. Man spricht vom Flow-Effekt.
Immersion bringt darüber hinaus auch Effekte mit sich, die man im Fußball vielleicht mit einem Trainingslager in Verbindung bringt, wie dem, in das sich die Nationalmannschaften im Vorfeld eines Turniers wie der anstehenden Fußballweltmeisterschaft begeben. Der Fokus wird ganz auf die Interaktion in der Zielsprache gelegt, Ablenkungen durch die Muttersprache werden minimiert, so wie im Trainingslager Ablenkungen durch private Belange minimiert werden sollen, während der Fokus auf ein vertieftes und gemeinsames Training gelegt wird. Völlige, langfristige Immersion ist dabei im Alltag freilich nicht leicht zu erreichen, wenn man sich nicht gerade Zeit für einen Sprachurlaub nehmen kann. Genauso ist der Spielraum für Trainingslager begrenzt, wie man daran sieht, dass die deutsche Nationalmannschaft unter Trainer Julian Nagelsmann sich mit zwei kürzeren Trainingslagern zufriedengeben muss, die vom Champions-League-Finale am 30. Mai unterbrochen werden.
Schluss mit der alten Schule
Fußball durch Fußball und Immersion stehen in ihren Domänen jeweils einer Art „alten Schule“ des Trainings beziehungsweise des Lernens gegenüber. Letztere zielen jeweils auf das isolierte Einüben eines klar abgegrenzten Elements des Spiels respektive der Sprache. Was dem Fußball das Wiederholen des immer gleichen Elfmeters oder vielleicht noch des immer gleichen Doppelpasses mit dem immer gleichen Partner mit immer gleichen Startmarkierungen und so weiter, das ist dem Sprachenlernen das sture Büffeln von Vokabeln ohne Kontext oder das Aufsagen von Flexionsformen. Beides ist nicht völlig nutzlos, sollte aber nur mit viel Bedacht eingesetzt werden und, wenn überhaupt, eine Nebenrolle spielen.
So wie Trainer der alten Schule auf dem Abstellgleis landen können, wenn sie nicht auch neue Methoden in ihrer Arbeit mit der Mannschaft implementieren, sollten auch Sprachlehrer (und -lerner) auf der Höhe der Zeit bleiben. Nichts muss ausgemustert werden, nur weil es alt ist, jedoch sollte alles Alte immer wieder auf seine Tauglichkeit in der Gegenwart hin kritisch überprüft werden. Das gilt gleichermaßen für Sprachunterricht wie für Fußballtraining.
Muskeln und Gehirn haben verschiedene Zyklen
Wo Fußballtraining und Sprachenlernen ein gutes Stück weit getrennte Wege gehen, sind die Dinge, in denen sich Gehirn und Muskulatur maßgeblich unterscheiden und in denen das Gehirn im Fußball nebensächlich bleibt. Ein markantes Beispiel hierfür ist das Konzept der Periodisierung. Periodisierung im Leistungssport bedeutet, dass man Training langfristig plant und strukturiert, um den Trainingseffekt und die Spielfitness am Spieltag zu maximieren, während die Belastung und damit das Verletzungsrisiko minimiert wird.
Ein Verletzungsrisiko des Gehirns beim Sprachenlernen ist eher zu vernachlässigen und auch Wettkämpfe müssen natürlich nicht in den Lernprozess eingeflochten werden. Im Mittelpunkt beim Gehirn und damit für das Lernen steht nicht so sehr Belastungssteuerung, als vielmehr die Konsolidierung des Gelernten. Dabei spielen ähnliche Erwägungen eine Rolle wie beim körperlichen Training, die sich aber an von denen der Muskulatur völlig verschiedenen Bedürfnisses des Gehirns orientieren. Beides erfordert Periodisierung, allerdings eine grundlegend andere.
Training mit Plan und Verstand
Wenn wir unser Fußballspiel verbessern oder eine Sprache lernen wollen, gilt also jeweils: Übung ist besser als keine Übung, aber das falsche Training kann frustrieren, Zeit vergeuden oder am eigentlichen Ziel vorbeiführen. Es lohnt sich, sich erst einmal darüber Gedanken zu machen, wie man sein Ziel erreicht, anstatt einfach drauflos zu trainieren.
Autor: Sebastian Zimmermann, Testentwicklung, telc gGmbH

