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Juli 2017

Sprachunterschiede unter Nachbarn

Wenn Deutsche sich nicht wohl fühlen und Österreicher ein bissel marod sind...

Blog Medizin Sprachunterschiede Deutschland Österreich

... machen sich beide auf den Weg zum Hausarzt ihres Vertrauens. So weit, so gleich, aber dann kommen die feinen Unterschiede.

Deutsche PatientInnen brauchen jetzt ihre Versicherungskarte, österreichische legen die e-card bereit und vereinbaren bei der zuständigen Assistentin des Arztes einen Termin. Dafür fragen die Deutschen die Arzthelferin, die Österreicher sprechen mit der Ordinationsgehilfin. Zum Termin treffen sie hüben zu den Sprechstunden in der Praxis wie drüben zu den Ordinationszeiten in der Ordination auf den Herrn oder die Frau Doktor, auf der kleineren Seite der Grenze allerdings noch mit wesentlich mehr Ehrerbietung.

Er oder sie macht sich dann gemeinsam mit dem Betroffenen auf die Suche nach der Ursache des Übels, lässt „A“ sagen und schaut in den Hals. In Deutschland wird dann abgehört, in Österreich abgehorcht. Abgeklopft wird ohne Unterschied. Findet man nichts Auffälliges, geht die Suche weiter ins Labor (in Deutschland auf der 2., in Österreich auf der 1. Silbe betont), um Blut abzunehmen oder abzuzapfen. Gestochen wird beidseits der Grenze mit Spritze und Nadel, beim kleineren Nachbarn heißt eine Spritze gelegentlich auch „Jaukerl“ (mit gedanklicher Nähe zu „jaulen“).

Sollte es wo zwicken oder gar richtig weh tun, wird die Schmerzbestimmung manchmal zur anatomischen Gratwanderung, wo welcher Körperteil beginnt bzw. aufhört. In Österreich nämlich reichen die Hände von den Fingerspitzen bis zur Schulter, die Füße vom Zeh bis zur Leiste. Das macht die Lokalisierung des Schmerzortes manchmal etwas schwieriger als in Deutschland, weil nämlich die Hände auch in den Achseln wehtun können, während Juckreiz an den Füßen nicht gleich die Diagnose „Fußpilz“ nahelegt, weil die Füße eben bis zur Hüfte jucken können. Und wer in der Folge an einer dieser Extremitäten in Deutschland einen Verband braucht, erhält in Österreich ein gleiches oder ähnliches Modell, allerdings unter der Bezeichnung Faschen mit dem dazu gehörigen Verb einfaschen.

Bringt die Suche nach der Ursache eine ernsthafte bzw. gröbere Erkrankung ans Licht, folgt möglicherweise der Weg ins Krankenhaus oder eben ins Spital, das in Österreich auch dann noch so heißt, wenn es eigentlich titelgemäß ein AKH (Allgemeines öffentliches Krankenhaus) oder LHK (Landeskrankenhaus) ist. Wer die Aufnahmeformalitäten am selbigen Schalter oder in der gleichnamigen österreichischen Kanzlei hinter sich gebracht hat, begibt sich mehr oder weniger getrost in die Behandlung. Gut ausgebildetes Personal kümmert sich allemal um ihn. Die deutsche Pflegeassistentin entspricht der österreichischen Pflegehilfe, die Gesundheits- und Krankenschwester dem österreichischen so genannten Gehobenen Dienst in der Krankenpflege, also der Diplom-Gesundheits- und Krankenschwester. Auch die männliche Ausgabe gibt es sich hüben wie drüben – allerdings noch immer in der Minderzahl. Das Fachpersonal jedenfalls schickt den deutschen Patienten nun für eine Harnprobe aufs WC, den österreicherischen jedoch auf die kleine Seite. Was die große Seite sein wird, kann sich jetzt jede/r selbst ausmalen.

Danach folgt vermutlich der Besuch in der Röntgenabteilung. Und während die deutschen Röntgenassistenten den Patienten röntgen, röntgenisieren ihn die Österreicher. Die Befunde erklärt (hoffentlich verständlich) der Arzt. Der Stationsarzt bleibt beiderseits der Grenze der gleiche, auch der Oberarzt macht keine Unterschiede, außer, man vergisst ihn in Österreich mit genau diesem „Titel“, nämlich Herr Oberarzt, anzureden.

Wird ein operativer Eingriff beim Patienten nötig, wird die Wunde später natürlich kunstgerecht vernäht – in der Bundesrepublik mit einigen Stichen, in der Alpenrepublik mit ebensoviel Haft (kommt von „heften“ nicht von Häf’n“, in dem man tatsächlich seine Haft im Sinne von Strafe absitzen kann). Diese „Haft“ setzt und entfernt in Österreich vielleicht ein hilfreicher Geist, den die Deutschen 2004 per Gesetz als AiP (Arzt im Praktikum) abgeschafft haben: der österreichische  Turnusarzt beneidet sein verschwundenes deutsches Pendant und leidet 3 Jahre nach Studienabschluss weiter (unter der Tatsache, dass er, statt Zeit zum Lernen ärztlicher Kunst zu haben, jede Menge Nebenarbeiten und Formalaufwand bewältigen darf) (wofür ihm andererseits die Diplomschwester wieder dankbar ist...). Heilt eine Wunde nicht problemlos, kann es sein, dass sie in Deutschalnd nässt, während sie in Österreich saftelt, was übrigens auch andere feuchte Haut-Angelegenheiten beschreiben kann.

Darf sich der Patient schließlich doch auf den Heimweg machen und ist noch nicht wieder voll einsatzfähig, bekommt er ein Attest mit bzw. eine Befreiung (nicht vom Spitalsbett, sondern zum Beispiel vom Schulsport) sowie eine Krankmeldung, die beiderorts dazu führt, dass er nicht arbeiten muss. In Österreich wird er damit allerdings für diese Auszeit auch gleich in einen besonderen Stand erhoben, nämlich in den „Krankenstand“. Nichtsdestotrotz geht’s also langsam wieder aufwärts; damit ist einerseits das Schlimmste überstanden, andererseits das Mehrerne vorüber.

Nur wenn es hart auf hart geht und guter Rat teuer (und vom Patienten bezahlbar) ist, kommt in der Bundesrepublik der Chefarzt. Der erscheint dann auch in Österreich und heißt (meist männlich) Herr Primar – womit geklärt wäre, warum es dem Österreicher spätestens jetzt im Vergleich zum Deutschen ganz prima geht!

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