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August 2017

Gesprochene Sprache: Herausforderungen und Techniken

Ein zentrales Instrument des Arztes

Für viele nach Deutschland zugewanderte Medizinerinnen und Mediziner steht am Beginn des langen Weges in den Beruf die Erkenntnis, das Thema Spracherwerb massiv unterschätzt zu haben.

Das beginnt schon bei der Fachsprache, in der sich die meisten sicher wähnen, die aber im deutschen Klinikalltag neben Latein enorm viel kompliziertes Deutsch enthält. Für den täglichen Austausch mit Kollegen, Chef und Oberärzten reicht die internationale Theoriesprache von der Uni nicht: So wie das Lateinische besteht auch die medizinische Praxissprache (in Gegenüberstellung zur reinen Fachsprache) aus vielen zusammengesetzten, komplexen deutschsprachigen Fachwörtern wie etwa Vorhofflimmern oder Bandscheibenvorfall.

Und das ist erst der eher patientensprachliche Wortschatz, den man auch unter Kollegen nutzt. Abhängig vom Gegenüber müssen auch verschiedene grammatikalische Formen gut und frei anwendbar beherrscht werden, im Anamnesegespräch oft andere, als im Patientenbericht oder Arztbrief bzw. in der Patientenvorstellung.

So braucht man im Patientengespräch häufig den Konjunktiv II (Würden Sie bitte den Oberkörper frei machen?), das Passiv und seine Ersatzformen (Das muss geröntgt werden. Ihre Erkrankung ist gut therapierbar.), indirekte Fragen (Können Sie mir sagen, ob Sie in letzter Zeit in den Tropen waren?), viele Präpositionalobjekte in festen Verbindungen (auf Station, leiden an vs. unter) und auch die Modalpartikeln (Wie geht’s Ihnen denn heute? Versuchen Sie doch mal, sich etwas mehr zu bewegen.), mit denen wir uns hier bereits beschäftigt haben.

Hinzu kommt hier noch die Aussprache, rezeptiv wie produktiv, die maßlos unterschätzt wird. Besteht in diesem Bereich keine solide Sprecherkompetenz, ist die Kommunikation oft gestört oder scheitert völlig. Das beginnt bei der Unterscheidung von Frage- und Aussagesatz mit ihren unterschiedlichen Intonationsmustern – klingt selbstverständlich, wirft aber oft Probleme auf. Das Beherrschen weiterer prosodischer Elemente wie Wort- und Satzakzent sowie Sprechmelodie ermöglichen erst ein müheloses Verstehen. Und es ist tatsächlich keine gute Idee, möglichst schnell zu sprechen, damit die verwaschenen Endungen der Wörter Ihre Unsicherheiten in der Deklination nicht so deutlich werden lassen :-).

Und dann wären da noch die Einzellaute, von denen einige erst gar nicht im Phonem-Inventar der Lernenden vorhanden sind und mühsam eingedrillt werden müssen – denken Sie nur an die Frikative in Streichholzschächtelchen.

Deutsch bildet insofern eine Ausnahme im internationalen Sprachuniversum, als dass sie einen stetigen, teilweise sehr schnellen, Wechsel von gespannten zu ungespannten Lauten pflegt. Hier hilft nur Mundgymnastik: Küssen – Lächeln heißt die Devise. Versuchen Sie doch mal, diese Lippenpositionen zwei Minuten im schnellen Wechsel einzunehmen, und wiederholen Sie das täglich. Nach einiger Zeit werden Sie den Effekt spüren, Ihre Aussprache wird klarer.

Auch die rezeptive Seite, das Hörverstehen, verursacht mitunter Probleme, haben doch schon Muttersprachler Schwierigkeiten, bestimmte Dialektvarianten oder unakzentuiert sprechende Patienten zweifelsfrei zu verstehen. Von umgangssprachlichen Wendungen der Patienten ganz zu schweigen (Mir war ganz trieselig.)

Schließlich kommen noch die Anforderungen an Techniken ärztlicher Gesprächsführung wie z.B. das Paraphrasieren oder das Echoing, auf die wir schon im letzten Artikel näher eingegangen sind.

Das nächste Mal schauen wir uns dann die Herausforderungen der Schriftsprache näher an, machen Sie es gut und genießen Sie die raren Sonnentage!

Unser Blogautor: Markus Ammon

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