Juni 2011 | Frankfurt
Niedersachsens Kultusminister Dr. Bernd Althusmann wird telc Botschafter
Der Niedersächsische Kultusminister und amtierende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Dr. Bernd Althusmann, wird Botschafter der Kampagne für "Mehrsprachigkeit und Integration". Anlass für das Engagement des Ministers war das gemeinsam vom Deutschen Volkshochschul-Verband e.V. (DVV), den niedersächsischen Volkshochschulen und der telc GmbH initiierte Förderprojekt "Ein Plus für Mehrsprachigkeit", welches Dr. Althusmann als Schirmherr unterstützt. Im Rahmen dieses Projekts stellen sich rund 400 niedersächsische Schülerinnen und Schüler einer Fremdsprachenprüfung und erhalten nach erfolgreichem Abschluss zu erheblich reduzierten Gebühren ein begehrtes, Schulzeugnis begleitendes telc Sprachenzertifikat. Weitere 111 Schülerinnen und Schüler erhalten aus den Projektmitteln ein Komplettstipendium für Türkisch.
Die Plakate mit dem Porträt des Bildungspolitikers erreichen in diesen Tagen alle weiterführenden Schulen in Niedersachsen sowie die Mitglieds-Volkshochschulen des Landesverbandes Niedersachsen. Selbstverständlich können Sie das Poster auch kostenlos per E-Mail bestellen.
Im Rahmen seines Engagements als Botschafter für Mehrsprachigkeit und Integration stellte sich Dr. Althusmann den Fragen der telc GmbH:
Herr Minister, wer Fremdsprachen beherrscht, verbessert seine Chancen für den Einstieg in Studium und Beruf. Was können Sie in Niedersachsen tun, damit noch mehr Menschen Fremdsprachen lernen?
Das Interesse an Fremdsprachen beginnt bereits im Kindergarten und in der Grundschule. Kinder sind neugierig auf Sprachen und lieben es, z.B. in fremden Sprachen zählen zu lernen oder Wörter und Sätze auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin zu vergleichen. Hier geht es darum, in den Bildungseinrichtungen auf kreative Weise Sprachbewusstsein zu erzeugen und pädagogisch Anknüpfungspunkte für Mehrsprachigkeit zu entwickeln. In sieben Grundschulen werden bereits mit sehr großem Erfolg bilinguale Klassen in Englisch, Französisch, Türkisch, Spanisch und Italienisch angeboten. Diese Klassen tragen neben vielen anderen Projekten an unseren Schulen sehr dazu bei, bei den Kindern Freude und Motivation am Fremdsprachenlernen zu stärken. Bis 2015 werden wir landesweit 15 regionale Zentren für Deutsch als Zweit- und Bildungssprache, Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz mit insgesamt etwa 140 zugehörigen Netzwerkschulen aufbauen. Die Förderung in der deutschen Sprache wird hier ergänzt durch die verschiedensten pädagogischen Ansätze zur Entfaltung der Mehrsprachigkeit und interkulturellen Kompetenz. Bereits jetzt bieten wir an Niedersachsens Schulen neben Englisch und Französisch noch 14 weitere Fremdsprachen an. Insbesondere Spanisch und Russisch erfreuen sich großer Beliebtheit, aber auch eine der kommenden Weltsprachen, wie z.B. Chinesisch, kann man heute schon an einzelnen Schulstandorten erlernen. Den Kindern mit Migrationshintergrund, die ja schon mit in der Familie erworbenen Sprachkompetenzen in die Schule kommen, bieten wir die Möglichkeit, diese im herkunftssprachlichen Unterricht zu vertiefen und alphabetisiert zu werden. In interkulturellen Arbeitsgemeinschaften, die allen Kindern und Jugendlichen offen stehen, wird dieses Angebot an etlichen Schulen im Sekundarbereich I fortgesetzt. Darüber hinaus fördern wir die Nutzung von Schüleraustauschprogrammen, internationalen Schulpartnerschaften bzw. EU-Programmen, damit Schülerinnen und Schüler mit Jugendlichen in anderen Ländern kommunizieren, eine gewisse Zeit im fremdsprachigen Ausland verbringen und ihre Sprachkenntnisse vertiefen können.
Was halten Sie davon, dass jemand zusätzlich zum Schulzeugnis oder nach einer Lehre, einer Meisterprüfung oder einem Studienabschluss noch ein Zertifikat erwirbt, das den Nachweis einer erfolgreichen Fremdsprachenprüfung nach dem Europäischen Referenzrahmen erbringt?
Zertifizierte Sprachkompetenzen, die international anerkannt sind, stellen eine gute Ergänzung zum schulischen Fremdsprachenangebot dar. Die Kinder und Jugendlichen, die heute in Niedersachsen die Schule besuchen, werden in weit größerem Maße als meine Generation berufliche Phasen ihres Lebens im Ausland verbringen oder in international operierenden Unternehmen tätig sein. Ein Sprachenzertifikat kann für beruflichen Erfolg bedeutsam sein. Neben dem Nachweis der erzielten Sprachkompetenzen bringt es auch das Engagement des jeweiligen Jugendlichen zum Ausdruck, sich schulergänzend für seine sprachliche Bildung zu engagieren. In Kooperation mit dem LV der VHS, gefördert vom DVV, nutzen in Niedersachsen in diesem Schulhalbjahr z.B. rund 100 Jugendliche das erstmalige Angebot, eine Sprachprüfung in Türkisch als Familiensprache abzulegen. Diese Erfahrungen werden wir auswerten und prüfen, wie wir solche Angebote ausweiten können.
Sieht die Niedersächsische Landesregierung in den Schul- und Städtepartnerschaften mit dem Ausland eine Motivation zum Fremdsprachenlernen?
Jede Situation, in der Menschen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen mit dem Ziel zusammenkommen, sich auszutauschen und kennenzulernen, motiviert zum Sprachenlernen. Dazu zählen selbstverständlich auch Partnerschaften zwischen Kommunen und Schulen, zum Beispiel aber auch Schüler- und Studierendenaustauschprogramme oder Programme zur Mobilität von Auszubildenden, Lehrenden und Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern aller Berufsgruppen.
Warum empfehlen Sie Zuwanderern, die in Deutschland eine neue Heimat finden, unbedingt als erstes Deutsch zu lernen?
Unser Ziel ist es, die individuellen Bildungschancen jedes Kindes und jedes Jugendlichen unabhängig von seiner sozialen, kulturellen und sprachlichen Herkunft zu erhöhen und jedem die Möglichkeit zum Aufstieg durch Bildung zu geben. Deutsche Sprachkenntnisse nehmen eine Schlüsselrolle im Bildungsprozess ein und sind Voraussetzung für den Schulerfolg. Nur eine bereits im Elementarbereich einsetzende und umfassende Sprachförderung kann die Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Bildung und eine altersgerechte Teilhabe an Lern- und Bildungsprozessen aller Kinder sicherstellen.
Halten Sie es für richtig, herkunftssprachliche Kompetenzen, z. B. in Türkisch, zu fördern?
Neben der deutschen Sprache fördern wir auch die Familiensprachen der zugewanderten Kinder, z.B. durch herkunftssprachlichen Unterricht oder bilinguale Angebote. Wir betrachten die familiäre Mehrsprachigkeit als Potenzial, mit dem die Jugendlichen später im Berufsleben punkten können. Vor dem Hintergrund eines zusammenwachsenden Europas werden mehrsprachige Kompetenzen von zunehmender, auch wirtschaftlicher Bedeutung sein. Viele niedersächsische Firmen stehen beispielsweise in Verbindung mit der Türkei, so dass sich für Jugendliche, die Türkisch in Wort und Schrift beherrschen, die beruflichen Perspektiven verbessern.
Stichwort „Lebenslanges Lernen“: Jeder, der im Beruf dauerhaft Erfolg haben will, muss sich künftig noch mehr Zeit zur Fort- und Weiterbildung nehmen. Die Volkshochschulen bieten eine breite Palette von Kursen, die wohnortnah und kostengünstig von Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden können. Welchen Stellenwert haben die Weiterbildung und insbesondere die Weiterbildungsangebote der Volkshochschulen für Sie?
Die Weiterbildung befindet sich wie wohl kein anderer Bildungsbereich in der Verantwortung, am ständigen Um- und Aufbruch mitzuwirken und nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern sogar der Zeit voraus zu sein. Das bedeutet, Bildung bzw. Weiterbildung darf und kann sich nicht in der erfolgreichen Bewältigung von Gegenwartsproblemen erschöpfen, sondern Bildung und noch viel mehr Weiterbildung ist der Schlüssel, mit dem wir unsere individuelle Zukunftsfähigkeit und damit auch die Zukunft unserer Gesellschaft erschließen. Ein hohes Qualifikationsniveau und lebenslanges Lernen bzw. permanente Weiterbildung sind die Grundlagen für die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft und Wirtschaft und liegen somit im gegenseitigen Interesse. Es ist deshalb gut, dass Niedersachsen über eine leistungsstarke, plurale und gesetzlich verankerte Infrastruktur in der Erwachsenen- und Weiterbildung verfügt. Ziel der Förderung dieses Bildungsbereichs ist die Sicherstellung des bedarfsgerechten und flächendeckenden Weiterbildungsangebots. Da dieses Angebot im Wesentlichen durch die niedersächsischen Volkshochschulen erbracht wird, ist ihr Stellenwert entsprechend hoch.
Welche Fremdsprachen beherrschen Sie selbst?
Leider nur Englisch und ein wenig Spanisch aus Schulzeiten am Gymnasium Herderschule in Lüneburg – von vollständigem Beherrschen würde ich da aber nicht sprechen! Zwar habe ich darüber hinaus ein Latinum erworben, aber gerade diese „alte“ Sprache hilft leider nur als Grundlage weiter.
Unterstellen wir, Sie hätten dafür Zeit, welchen VHS-Sprachkurs würden Sie gern besuchen?
Spanisch oder Schwedisch und vielleicht auch Plattdeutsch.
Würden Sie sich nach dem Besuch eines solchen Sprachkurses dann auch einer Prüfung stellen?
Natürlich. Wenn ich schon den Kurs besuche, würde ich mich am Ende auch der Prüfung stellen.
Wenn Sie an Ihre eigene Schul- und Studienzeit denken: Welche Chancen, die junge Menschen heute haben, hätten Sie in der Rückschau gern auch persönlich gehabt?
Ich hätte mir die vielen Möglichkeiten gewünscht, die junge Menschen heute haben, um durch Kommunikation mit anderssprachigen Menschen im In- oder Ausland über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich zu begegnen und über Ländergrenzen hinweg Freundschaften aufzubauen. Im Zeitalter neuer Kommunikationstechniken sind Grenzen, auch Sprachgrenzen, ja kaum noch vorhanden.
Das Interview führte der Journalist Prof. Dr. h.c. Ernst-Andreas Ziegler.
