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Juni 2010 | Frankfurt am Main

Fußball-Nationalspieler Cacau als „Botschafter für Mehrsprachigkeit und Integration“

„Mehrsprachigkeit und Integration“ sind die großen Herausforderungen unserer Zeit. Wer Fremdsprachen beherrscht, dem stehen im Europa der Zukunft die Türen weit offen. Ebenso wichtig ist der Wille zur Integration – vor allem für Menschen mit Wurzeln außerhalb jenes Landes, das sie aufgenommen hat und in dem sie und ihre Familien dauerhaft bleiben wollen.

Ein Musterbeispiel gelungener Integration ist der in Brasilien geborene deutsche Fußball-Nationalspieler Claudemir Jeronimo Barreto, genannt Cacau, mit seiner Familie. Die telc Prüfung für Zuwanderer, das „Zertifikat Deutsch“, bestand er glänzend. Er ist ein sympathischer, bescheidener, tiefgläubiger Familienvater und ein fairer Sportler, der sich persönlich und finanziell für die Stiftung Deutsche KinderSuchthilfe engagiert.

Die telc GmbH präsentiert - aktuell zur Fußball-Weltmeisterschaft - als neues Motiv ihrer Poster-Serie den Nationalspieler Cacau als Vorbild und „Botschafter für Mehrsprachigkeit und Integration“.

Das Plakat erhalten in diesen Tagen alle Volkshochschulen und viele weitere Bildungseinrichtungen und Schulen sowie kirchliche und soziale Einrichtungen zum Aushang zugeschickt. Alle Interessierten können das Plakat kostenlos nachbestellen.

Im Interview mit Prof. Dr. Ernst-Andreas Ziegler spricht der Nationalspieler über seine Vorbildfunktion für Zuwanderer und junge Sportler, seinen Stolz auf Deutschland und die Erfahrungen, die ihm das Leben vermittelt hat. - Lesenswert auch für nicht Sportinteressierte:


„Wer im Wohlstand lebt, muss helfen“

Interview mit dem deutschen Fußball-Nationalspieler Cacau

 
Sie wurden nicht als Star geboren. Ihre sportliche und persönliche Entwicklung war nicht vorauszusehen. Wo sind Sie aufgewachsen und aus welchen familiären Verhältnissen kommen Sie?

Aufgewachsen bin ich in Brasilien in einer Familie mit drei Söhnen. Mein Vater war leider alkoholkrank. Er musste oft in eine Klinik. Meine Mutter arbeitete als Putzfrau. Meine Brüder und ich haben versucht, mit diversen Jobs noch etwas Geld für die Familie dazuzuverdienen.

Haben Sie einen Rat für diejenigen jungen Menschen, die in Armut und ohne Zukunftsperspektive aufwachsen und die sich daraus befreien wollen – egal, in welchem Land sie leben?

Junge Menschen suchen nach positiven Vorbildern. Wir, denen es gut geht, sind aufgefordert, als Vorbilder voran zu gehen, diese jungen Menschen nicht fallen zu lassen und ihnen Auswege aus der Not aufzuzeigen. Wer in Armut aufwächst und von Hoffnungslosigkeit umgeben ist, hat es in der Regel schwer, ein positives Umfeld zu finden. Wir müssen diesen jungen Menschen Mut zusprechen, ihnen deutlich machen, wie wichtig Schulbildung ist, und wir müssen ihnen das Selbstvertrauen vermitteln, dass Sie zu Drogen Nein sagen. Jedem wird es so leichter, aus diesem Kreislauf von Ohnmacht und Armut herauszukommen, einen Schulabschluss zu erreichen und eine berufliche Ausbildung anzustreben.

Wo sind die größten Gefahren für die Menschen in Armut?

In diesem Umfeld gibt es sehr viel kriminelle Energie. Auch Alkohol und schwere Drogen sind immer ein Thema.

Hatten Sie ein Vorbild?

Mein größtes Vorbild ist meine Mutter. Sie spielte immer eine wichtige Rolle in meinem Leben, sie war es, die uns immer wieder sagte, wie wichtig die Schule und ein entsprechender Schulabschluss sind.

Was gefällt Ihnen in Deutschland? Und was nicht?

Deutschland ist mir als meine zweite Heimat ans Herz gewachsen. In Deutschland spüre ich, dass Planung und Organisation wichtig sind. Es gefällt mir sehr, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird. Auch die Menschen, denen ich hier begegnet bin, waren immer sehr freundlich zu mir und meiner Familie. Ich habe nie schlechte Erfahrungen machen müssen. Das einzige, was
mir zum Teil nicht gefällt, ist das Wetter im Winter. Aber das meine ich mehr im Scherz. 

Ihre Familie und Sie gelten als Musterbeispiel für Mehrsprachigkeit und Integration. Was bedeutet für Sie Integration?

Für mich bedeutet es die Eingliederung in eine fremde Kultur. Als ich von Brasilien nach Deutschland kam, war mir vieles, besser gesagt alles, fremd. Das Wetter, das Essen, die Landessprache. Und dann dazu Einsamkeit und keine engen Freunde, mit denen man über alles reden kann. Zum Glück hatte ich wenigstens meinen brasilianischen Freund Osmar, der mir von Beginn an immer wieder riet: „Cacau, Du musst ganz schnell die deutsche Sprache lernen!“ Genau diese Ansage war entscheidend für meine Integration in diesem für mich zu Beginn fremden Land. Es war anfangs wirklich schwer und eine harte Zeit, aber es hat sich gelohnt, viel Energie zu investieren. Sobald ich mich einigermaßen verständigen konnte, entdeckte ich die deutsche Kultur. Mehr und mehr konnte ich verstehen und Fragen stellen. Als ich die ersten deutschen Bücher lesen konnte, wurde es immer spannender. Das Lernen machte mir immer größere Freude, ich konnte mich weiterbilden, meinen immer stärker werdenden Wissensdurst befriedigen, ich wollte begreifen, was denn Deutschland eigentlich alles ausmacht. Als gelungene Integration würde ich beschreiben, dass ein Mensch aus einer fremden Kultur die Landessprache beherrscht und es schafft, wie ein Einheimischer zu denken und Dinge in gleichem Maß nachzuvollziehen.

Das bedeutet, dass Sie und ihre Familie sich jetzt in Deutschland zu Hause fühlen?

Ja, auf jeden Fall. Wir überlegen sogar, eventuell nach meiner Fußballkarriere in Deutschland zu bleiben. Wir haben hier viele Freunde. Auch meine Frau spricht inzwischen Deutsch. Für die Kinder ist das einfacher. Unsere Tochter besucht den Kindergarten, unser kleiner Sohn muss noch etwas warten. Wir freuen uns schon jetzt auf die Zeit, wenn beide auf eine ganz normale deutsche Schule gehen.

Sie spielen für den VfB Stuttgart, leben in einer kleinen Stadt unter Schwaben. Können Sie auch etwas Schwäbisch, also Dialekt?

Ein paar wenige Worte kann ich sprechen und auch verstehen. Schwäbisch, ich meine das nicht ganz ernst, ist aber vielleicht noch etwas schwerer als Schriftdeutsch. (lacht)

Wie und wo haben Sie Deutsch gelernt?

Zu Beginn bei meinem Freund Osmar, zusätzlich auch im Verein. Dort wurden Sprachkurse angeboten. Im Fußball wird verlangt, dass ein ausländischer Sportler Deutsch versteht. Hinzu kommt, dass ich seit einigen Jahren regelmäßig auf Veranstaltungen spreche, um vor allem junge Menschen zu ermutigen. Das hat mir nach und nach immer mehr Sicherheit gegeben.

Haben Ihnen die Sprachkurse an der Volkshochschule geholfen? Waren Sie stolz auf Ihre exzellente Prüfungsleistung und Ihr telc-Prüfungszeugnis?

Natürlich. Das Erlernen der deutschen Sprache machte mir großen Spaß. Ich bin den Lehrern dankbar. Und selbstverständlich habe ich mich sehr über meine tolle Note gefreut. Als nächstes Ziel habe ich mir vorgenommen, gut Englisch zu lernen.

Eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen ist die Integration von Zuwanderern. Sollte jeder von ihnen unbedingt die Sprache des Gastlandes sprechen?

Das ist das Allerwichtigste und von grundsätzlicher Bedeutung. Sonst gelingt Integration nicht.

Bitte noch Fragen zum Fußball. Wie schaffen Sie es, so tolle Tore zu schießen?

Gott hat mir ein wunderbares Talent geschenkt. Ich habe die Verantwortung, durch tägliche harte Arbeit an diesem Talent zu arbeiten und immer wieder Defizite zu verbessern. Das mache ich seit Jahren. Diese jahrelange Arbeit hat sich ausgezahlt. Ausruhen aber darf man sich dabei nicht. Wer nachlässt, fällt zurück. Ich kann nur jedem, der Freude am Sport hat und weiterkommen will, aus eigener Erfahrung sagen: Wenn Du hart an Dir arbeitest, wird sich auch eines Tages der Erfolg einstellen.

Wie trainieren Sie die Schnelligkeit Ihrer Reflexe, zum Beispiel den ansatzlosen Schuss oder den Sprint aus dem Stand heraus?

Wir haben ganz spezielle Trainingsprogramme beim VfB Stuttgart und auch bei der Deutschen Nationalmannschaft. Dafür gibt es Experten, die uns ganz spezifisch fördern. Aber auch das bedeutet: „Training, Training, Training... “(lacht)

Was empfinden Sie, wenn Sie in der deutschen Nationalmannschaft spielen?

Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Schon als Kind wollte ich einmal in der Nationalmannschaft spielen. Damals natürlich für Brasilien. Jetzt bin ich deutscher Staatsbürger und spiele für meine Wahlheimat. Ich werde das in seiner ganzen Bedeutung sicherlich erst nach der Weltmeisterschaft richtig begreifen. Im Moment bin ich noch zu sehr damit beschäftigt, mich auf das Fußballerische zu konzentrieren, und zwar so, dass ich punktgenau auf dem Platz das Beste geben kann.

Sie sind ein tief religiöser Mensch, engagieren sich für Schwächere, stehen für Fairness und Moral auch im Profisport. Was fühlen Sie, falls Sie auf dem Fußballfeld – in der Hitze des Gefechtes – diesem hohen Selbstanspruch nicht entsprechen können, vielleicht sogar zu Recht eine gelbe oder rote Karte sehen?

Kein Mensch ist perfekt. Auch mir unterlaufen Fehler. Dann muss man aber in der Lage sein, sich zu entschuldigen.

 

Das Interview führte der Journalist Prof. Dr. h.c. Ernst-Andreas Ziegler.

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